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"Wer schrieb, fuehlte sich frei"

Der Holocaust in den Zeugnissen griechischer Juedinnen und Juden

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 70.000 Juedinnen und Juden in Griechenland. Rund 46.000 wurden in Konzentrationslager deportiert. Auf der Grundlage von zwanzig autobiographischen Erinnerungen hat Tullia Santin im Rahmen ihrer Dissertation an der Freien Universitaet Berlin untersucht, wie griechische Juedinnen und Juden ihre Verfolgung waehrend des Holocaust erlebt haben.

Die zwanzig Zeugnisse koennten unterschiedlicher nicht sein. In ihrem Umfang schwanken sie zwischen 13 und 581 Seiten. Hinsichtlich ihrer literarischen Formen handelt es sich, wenn auch nicht immer in Reinform, um einen Brief, Tagebuchaufzeichnungen, Chroniken, Berichte, einen Mischtyp aus den drei letztgenannten, eine romaneske Erzaehlung, Memoiren und Autobiographien. Zwoelf Verfasser wurden in ein Konzentrationslager deportiert, andere von christlichen Freunden versteckt; wieder andere konnten sich in die Berge oder ueber das Meer retten. Nicht alle ueberlebten ihre Verfolgung. Ihre Geschichten schrieben sie aus unterschiedlichen Gruenden zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Sprachen. Unter den Zeugen finden sich ein Kind, Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen. Was sie bei all ihrer Verschiedenartigkeit verbindet, ist, dass sie - ganz im Sinne eines Zeugnisses - Aussagen ueber selbst erlebte oder von anderen Haeftlingen erfahrene Tatsachen treffen und dass erst die Erfahrung ihrer Verfolgung sie zu schreiben veranlasste.

Ein Blick auf das Datum der Niederschriften zeigt, dass sie fuenf Entstehungsphasen zuzuordnen sind: Einen Brief aus dem Lager schrieb etwa der thessalonikiotische Jude Marcel Nadjari. Er verfasste sein Manuskript waehrend seiner Haft im Konzentrationslager Auschwitz und vergrub es auf dem Krematoriumsgelaende. Nadjari war Mitglied des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau. Wie seinen Mithaeftlingen war Nadjari deutlich bewusst, dass er deswegen und wegen seines daraus resultierenden Wissens ueber den Massenmord keine Ueberlebenschancen haben durfte. Er verfasste also sein Zeugnis in staendiger Erwartung des Todes. Wer dem Tod so unmittelbar ins Auge sieht, beschraenkt sich darauf, das fuer ihn in diesem Augenblick Wesentliche mitzuteilen. Nadjaris Anliegen bestand darin, der freien Welt Bericht zu erstatten. Angesichts des erwarteten Todes regelte er damit aber auch seine persoenliche Hinterlassenschaft.

Typisch fuer die zweite Kategorie - die "zeitnahen Zeugnisse", die kurz nach dem Erleben verfasst wurden - ist deren praegnante Kuerze. Die Autoren gehen in ihren Beschreibungen lediglich auf die Zeit ihrer Haft ausfuehrlich ein. Umfassender dahingegen sind die fruehen Nachkriegszeugnisse aus den ersten Jahren nach der Befreiung. Sie wurden weder heimlich unter Zeitdruck im Konzentrationslager noch in der raeumlichen Enge und Provisoritaet eines befreiten Lagers oder eines Versteckes niedergeschrieben. Statt dessen lebten die Zeugen mittlerweile in sicheren Verhaeltnissen. Die fruehen Nachkriegszeugnisse zeigen ein verstaerktes Bemuehen, die gemachten Erfahrungen zu verarbeiten. Daher ruehrt die Nuechternheit der Texte.

Bis in die 1980er Jahre verhinderte das politische Klima die Aufarbeitung des Holocaust in Griechenland. Die Zeugnisse, die schliesslich ab 1981 verfasst wurden, bezeichnet Santin daher als Pioniere. Sie standen am Anfang einer breiteren Auseinandersetzung mit der Verfolgung und Vernichtung der griechischen Juedinnen und Juden. Hinsichtlich ihrer Motivation und ihres Anliegens differieren die Zeugnisse dieser Kategorie betraechtlich. Ein verbindendes Element ist ihre inhaltliche Breite, auch wenn diese individuell sehr verschieden gestaltet wird. Anders als fruehe Zeugnisse setzen sie nicht erst mit Kriegsbeginn ein und enden nicht mit der Befreiung, sondern beruecksichtigen das Leben davor und danach in unterschiedlicher Ausfuehrlichkeit. Aufgrund der Distanz zum Geschehen bieten sich den Ueberlebenden vielfache Moeglichkeiten der Praesentation und einer Bewertung der Signifikanz ihrer Erfahrungen. Festzuhalten bleibt dabei, dass die Ereignisse umso staerker der Ordnung durch die Schreibenden unterliegen, je mehr Zeit verstrichen ist. Denn aus der Distanz fuegen sie sich in den erst im Nachhinein verstehbaren Gesamtkontext ein. Nach Jahren haben die Ueberlebenden mittlerweile eine dezidierte Kenntnis von den Dingen. In den Zeugnissen verschmelzen die Ereignisse mit dem Bild und dem Verstaendnis, das die Schreibenden aufgrund ihrer langjaehrigen Distanz von diesen haben.

Die ueberwiegende Mehrzahl der griechisch-juedischen Zeugnisse zum Holocaust faellt schliesslich in die Kategorie der spaeten Erinnerungen aus den 1990er Jahren. So sehr ihre Distanz von fuenfzig Jahren zum Geschehen Uebersicht und Weitblick mit sich bringt, so muss sich spaeten Zeugen die Frage nach der Genauigkeit ihres Erinnerungsvermoegens aufdraengen.

Die Studie ist nicht nur eine schlichte Kategorisierung der Zeugnisse, sondern Tullia Santin untersucht gleichzeitig, wie die Opfer ihre Verfolgung fuer sich verarbeitet haben. Wie bildete sich im Wandel der Zeit ihre Identitaet zwischen den beiden Polen "griechisch" und "juedisch" heraus? Welche Faktoren erhoehten oder verringerten die Ueberlebenschancen waehrend der Lagerhaft? Wie nahmen die Opfer die Taeter wahr? Hinsichtlich ihrer griechisch-juedischen Identitaet weicht ein zunaechst haeufig geaeussertes Gefuehl der Fremdartigkeit gegenueber der christlichen Bevoelkerung schliesslich einem erstarkenden griechischen Nationalbewusstsein. Die Identitaet verlagert sich also von "juedisch" zu "griechisch". Auch im Konzentrationslager entschied insbesondere die Nationalitaet ueber Leben und Tod der Haeftlinge. Die inhaftierten Griechinnen und Griechen waren stolz auf die Beteiligung ihrer Landsleute am Aufstand des Sonderkommandos von Auschwitz, was ihre Selbstachtung staerkte und ihren Ueberlebenswillen foerderte.

Bei der Untersuchung der Taeterbilder, die die griechischen Juedinnen und Juden entwickelten, laesst sich eine ueberraschende Verlagerung der Schuld auf die Gemeindefuehrung ausmachen, durch die die tatsaechlichen Aggressoren entlastet werden. Die Ueberzeugung, aufgrund ihrer fortgeschrittenen Assimilation keiner Gefahr ausgesetzt zu sein, foerdert die Vertrauensseligkeit der juedischen Bevoelkerung gegenueber den Deutschen. Darueber hinaus wirken die enge Lokalbindung der Verfolgten und die muehsam erworbenen Identifikation mit der Heimat nun wie ein Bumerang, der Fluchten verhindert.

Tullia Santin kommt zu dem Schluss, dass fuer das (Ueber-)Leben griechischer Juedinnen und Juden waehrend des Holocaust das Herkunftsland eine unerwartet grosse Rolle spielte und dass ihre Nationalitaet sowie ihre Heimatverbundenheit massgeblich ihr Handeln und Denken in Zeiten der Verfolgung und Haft beeinflussten. Diese sich im Verlauf der Untersuchung stets aufs neue bestaetigende Feststellung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte.

Pressedienst Wissenschaft der Freien Universitaet Berlin PDW 30/2003 vom 17. Juli 2003
Literatur: Tullia Santin, Der Holocaust in den Zeugnissen griechischer Juedinnen und Juden", Zeitgeschichtliche Forschungen, Bd. 20, Berlin: Duncker & Humblot, 2003, ISBN 3-428-10722-5

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Dr. Tullia Santin, E-Mail: santin@patmos.de

Pressedienst Wissenschaft Freie Universitaet Berlin
Kaiserswerther Str. 16-18
14195 Berlin-Dahlem
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© 2003 Kultura (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Küstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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