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Theaterkritik

Sven Lange/Lutz Lenz:
DIE SCHNEEKÖNIGIN (THEATER TIEFBLAU, Köln)

Opulenz und Souveränität auf kleinem Raum

Märchen erzählen meist von Menschen, die guten und bösen Mächten ausgesetzt sind und viele Abenteuer bestehen müssen, ehe sie glücklich bis an das Ende ihrer Tage weiter leben können. So werden brutale Episoden vieler Märchen durch ein versöhnliches Ende abgemildert.
Die Wirklichkeit kann oft viel grausamer sein. Dann nämlich, wenn man auf der Suche nach dem Glück viele Kratzer und Sprünge einstecken muss und letztlich die märchenhafte Harmonie ausbleibt.
Mit der Bearbeitung des Andersen-Märchens von der Schneekönigin führt das THEATER TIEFBLAU dem Publikum ein märchenhaftes Spiel für Erwachsene vor, in dem sich gnadenlos die Wirklichkeit spiegelt.
Denn die Heldin bekommt zwar nach hohem Einsatz was sie will (ihren geliebten Kay), wahre Liebe jedoch lässt sich durch Willen alleine nicht erreichen...

"Die Schneekönigin" ist die zweite gemeinsame Bearbeitung eines Andersen-Märchens von Sven Lange und Lutz Lenz. Das musikalische Wintermärchen beweist, dass die erfolgreiche Zusammenarbeit des gut aufeinander eingespielten Autorengespanns keine Eintagsfliege, sondern ein wiederholbarer größtmöglicher Glücksfall ist.
Lenz, der in der THEATER TIEFBLAU-Produktion "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" aus dem Jahr 1997 zu den grotesken Bildern und Szenen und zur schrägen Erzählweise Langes in überraschender Weise verschiedene Musikstile verwendete, überrascht mit seinem musikalischen Beitrag zur Schneekönigin auch diesmal. Doch in der Schneekönigin sind fast ausschließlich einfühlsame und zarte Melodien zu hören, und damit trifft Komponist Lenz erneut den Erzählton von Regisseur Lange.

Nach der kunstvollen Inszenierung des Ein-Frau-Stücks "Das hässliche Entlein" (Titelrolle Christina Vayhinger), die 1998 mit dem Kölner Theaterpreis ausgezeichnet wurde, beschließt Sven Lange die Andersen-Märchen-Trilogie mit einem zauberhaften und opulenten Musiktheater.

Um das Resultat gebührend zu würdigen, sei erlaubt, an dieser Stelle auf ein anderes wunderschönes Märchen hinzuweisen: das Märchen vom THEATER TIEFBLAU.
Es gab da den kleinen furchtlosen Sven, der sich zunächst als Hamburger Punkrocker kräftig abreagierte.
Eine glückliche Feenhand scheint ihn dann als Regie- und Bühnenbildassistent an die Hamburgische Staatsoper und an das Schauspielhaus Köln geführt zu haben. In Köln gründete er mit der Schauspielerin und Chanson-Sängerin Christina Vayhinger sowie dem Bühnenbildner und Lichtdesigner Jan Hüwel das THEATER TIEFBLAU.
Zu den ersten Produktionen zählt 1997 "In tiefer Mitternacht", ein Georg-Trakl-Abend und eine freche Inszenierung von Georg Büchners "Leonce und Lena".
Der "Totentanz" August Strindbergs beeindruckte in der Version des THEATERS TIEFBLAU ein Jahr darauf mit einer imposanten Ensemble-Leistung und dem gekonnten Stilwillen Langes nicht nur das Publikum.
Die Jury der Kölner Theaterkonferenz krönte "Das hässliche Entlein" und "Totentanz" mit dem Kölner Theaterpreis.
Getreu dem Motto "Wir wollen Sie unterhalten, ohne Ihre Intelligenz zu beleidigen" produzierte THEATER TIEFBLAU 1999 mit einem vielköpfigen Ensemble das Stück "Dorian Gray" von Roswitha Ester/ Sven Lange nach Oscar Wilde. Im Jahr 2000 folgte "Die zehn Gebote - Eine Revue für Ketzer" mit Texten von Gott, Luther und Lange.

Mit sicherem Instinkt hat Theatermitbegründer und Regisseur Lange das Personal von THEATER TIEFBLAU um wertvolle Mitarbeiter erweitert, wodurch auf längere Sicht das hohe Niveau weiterer Produktionen gewährleistet ist.
Martina Küster, die bereits mehrfach als Kostümbildnerin für THEATER TIEFBLAU tätig war ("Das hässliche Entlein", "Dorian Gray", "Die zehn Gebote - eine Revue für Ketzer") hat in der aktuellen Produktion einmal mehr Großartiges geleistet. Während sie die puppenhaft unschuldig agierenden Hauptfiguren in blütenweiße glockenförmige Stoffe einkleidet, spielt sie vor allem intelligent mit dem Motiv der Blutrose, deren Blütenform in dem gespenstisch anmutenden Gewand der alten Frau in umgekehrter Form eine Entsprechung findet.
Selbst die Kostüme der Räuber scheinen eine verzerrte Variante der Blutrosen-Form zu sein.

Das einfach wirkende und variable Bühnenbild von Jan Hüwel steckt mal wieder voller Ideen des Lichtdesigners. Die Silhouetten der Häuser im Bühnenhintergrund zeigen zunächst stimmungsvoll erleuchtete Fenster. Darüber befindet sich ein Himmel, der sich entsprechend der Tageszeit verfärbt und des Nachts zu einem magischen Tiefblau wird. Mit den grellen Blitzen im Himmel bekommen auch die Häuser gezackte Risse, die sich sogar auf dem Bühnenboden fortsetzen. Der clevere Lichtmagier Hüwel lässt selbst den Zacken im Boden nicht ungenutzt, und so werden die Akteure tatsächlich von allen Seiten angestrahlt.
Mit diesen optischen Mitteln wird aus der verhältnismäßig kleinen Bühne dennoch ein Märchen in Breitwandformat.
Das vom Regisseur zelebrierte, meist langsame Tempo wirkt wohltuend und rundet sich im Zusammenspiel von Bewegung, Licht, Farben, Formen und Klängen zu einer cremig-sahnigen Märchenatmosphäre.
Das Publikum nimmt die wenigen Szenen mit lebhafteren Aktionen, so den Auftritt des Prinzenpaares, den köstlichen Einfall mit der Blutrose als Handpuppe und die witzige Episode mit den Räubern, dankbar an. Vielleicht hätte die Musik nicht so oft die getragene Stimmung bedienen, sondern an geeigneten Stellen mehr Kontrapunkte setzen sollen.
Man darf es der Regie nicht übel nehmen, dass der Märchenstoff so konsequent stimmig umgesetzt wird. Wenn aber das Material originelle Figuren vorsieht, ist es schade, dass beispielsweise der Erzähler nicht noch dämonischer ausspielt, was er zu sein vorgibt. Und zu gerne hätte man auch gesehen, weshalb der Fuchs dem Prinzenpaar als Fiesling bekannt ist.

Die Spielfreude der Darsteller ist so unterhaltsam, dass erst ein Blick auf die Besetzungsliste verrät, dass vier Akteure die Rollen aufteilen.
Philipp Neubauer, der "alte Fuchs", spielt auch den Raben, einen Räuber und den teuflischen Erzähler.
Denis Moschitto ist ein vielseitiger Schauspieler, der nicht nur die naive Figur des Kay verkörpert, sondern auch als Blutrose, Prinz und Räuber in Aktion tritt.
Genau wie ihre männlichen Kollegen sind Christina Vayhinger (Schneekönigin, alte Frau, Prinzessin, Räuber) und Antje M. Pohsegger (Gerda) nicht nur spielend, sondern auch singend zu erleben.

v. - red / 08.01.2001



DIE SCHNEEKÖNIGIN
Musik-Theater-Winter-Märchen für Erwachsene von Sven Lange (Text) und Lutz Lenz (Komposition) nach Hans Christian Andersen
Uraufführung 4.1.2001 in der Studiobühne Köln
Eine Produktion von THEATER TIEFBLAU

Regie: Sven Lange
Musikalische Leitung: Thomas Lachmann
Bühne und Licht: Jan Hüwel
Kostüme: Martina Küster
Maske: Ute Gross
Sound Production: André Zimmermann
mit: Antje M. Pohsegger
Christina Vayhinger
Denis Moschitto
Philipp Neubauer

Studiobühne Köln, Universitätsstr. 16a, 50923 Köln; Kartenvorbestellung: 0221/4704513
Informationen unter: www.theater-tiefblau.de
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