Reflet dans un diamant mort
von Bruno Forzani & Hélène Cattet
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Bewertung:
Anders als ihr Vorgänger Carlo Chatrian hatte die neue künstlerische Leiterin der BERLINALE keine Bedenken, auch actionreiche Genrefilme in die Hauptreihen des größten deutschen Festivals zu hieven. Sie waren im Wettbewerb zwar trotzdem noch Ausnahmen, aber immerhin: Tricia Tuttle hat damit den erkennbarsten Unterschied zu den Programmen der letzten Jahre gesetzt, die überwiegend aus bedeutungsschweren und kopflastigen Arthaus-Filmen bestanden.
Natürlich hat Mrs. Tuttle darauf geachtet, dass diese Beiträge eine handwerkliche und/ oder dramaturgische Raffinesse ausgezeichnet hat. Aber im Falle der belgisch-italienisch-französisch-luxemburgischen Koproduktion Reflet dans un diamant mort (Reflection in a Dead Diamond) nutzt es nichts, dass die Bilder und Geräusche so durchgestylt und hoch gepitcht sind, als wollte ein altgedienter Studiospezialist der faul gewordenen Generation "Künstliche Intelligenz" zeigen, wie viel mit guter, alter Handarbeit bei Setdesign, Maskenbildnerei, Beleuchtung und am Schneidetisch erreicht werden kann.
Das unablässige Stakkato an expressiven Panoramen und Detailaufnahmen, exaltierten Dekors, rasanten Schnitten, explosiver Gewalt und Tschak, Boom, Peng ergibt kein wirklich unterhaltsames Genrekino. Eher schon fühlt man sich wie vor einem üppigen, nicht vegetarischen Buffet, auf das zusätzlich noch haufenweise Chilischoten, Schokosauce, Parmesan und Schlagsahne drapiert wird. Die Reminiszenz an die trashigen Action-Kinofilme und Comics der 70er Jahre vor allem italienischer Provenienz ist optisch in mancherlei Hinsicht gelungen. Aber in der Mehrheit der Szenen und schließlich im Film als Ganzes ufern die Bild- und Toncollagen aus – das Regie-Duo Bruno Forzani & Hélène Cattet bietet von allem zu viel. Trotzdem gebührt allen künstlerischen Handwerkern an diesem Film großer Respekt.
Es macht wenig Sinn, aus dem visuellen wie dramaturgischen Trip so etwas wie eine Handlung herausschälen zu wollen. Das ist auch nicht die Absicht von Regisseurin und Regisseur. Nach einem viel versprechenden Auftakt wird aus den Bildcollagen zumindest klar, dass der alte Urlauber in einem luxuriösen Hotel am Mittelmeer entweder früher einmal ein ebenso skrupelloser wie raffinierter Geheimagent war. Oder dies zumindest in seiner Fantasie immer sein wollte. Dass ihn der Hang zur Brutalität und einem ausschweifenden Leben nie verlassen hat – oder zumindest nicht seiner Vorstellungswelt – ist so etwas wie das Überthema jenseits der grellen Pulp-Comic-Imitationen.
Kenner der italienischen Filmgeschichte werden mit Freude erlebt haben, dass der alte Mann am Meer von dem frühen italienischen Actionstar Fabio Testi gespielt wird, der in den späten 60ern und 70er Jahren neben einigen anspruchsvollen Filmen vor allem den arroganten "Bellimbusto" in jeder Menge zweit- und drittklassiger Filme mit Titeln wie Manaos – Die Sklaventreiber vom Amazonas oder Agenten kennen keine Tränen im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert hat. Dass er seine Karriere in diesem überbordenden visuellen Trip parodiert und sich dafür vom Berliner Publikum feiern ließ, war der eigentliche Höhepunkt, den der Film beim Festival verursachte.
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Reflet dans un diamant mort | © Cattet-Forzani
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Max-Peter Heyne - 25. Februar 2025 ID 15163
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de
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