Leben ohne
Angst
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Bewertung:
Der Titel Stormskär Maja – Von Liebe getragen, von Stürmen geprägt mag etwas sperrig klingen, könnte treffender aber nicht sein. Regie führte die Finnin Tiina Lymi, die das Drehbuch sehr frei nach der erfolgreichen Romanreihe von Anni Blomqvist verfasst und damit eine wunderschöne und eindrückliche Liebesgeschichte für das Kino geschaffen hat. - Als der Fischer Janne (Linus Troedsson) um ihre Hand anhält, ist die Jugendliche Maja (Amanda Jansson) gar nicht begeistert. Doch im Finnland Mitte des 19. Jahrhunderts herrschen das Patriarchat und die evangelische Kirche, weshalb die Frauen kein Recht auf Selbstbestimmung haben. Die eigensinnige, noch sehr kindliche und in ihrer Fantasiewelt lebende Maja fügt sich ungern.
Sie soll mit Janne auf eine einsame Schäreninsel ziehen, weil er sich dort bessere Chancen für den Fischfang ausrechnet. Janne erklärt ihr, dass er als dritter Sohn kein Erbe zu erwarten hat und sich deshalb selber etwas aufbauen muss. Als Maja beklagt, dass sie ihre Familie und alles, was sie bisher gekannt hat, verlassen muss, tröstet Janne sie. Auf der Insel können sie sich das Leben so einrichten, wie sie es wollen, weil da niemand ist, der ihnen Vorschriften macht. Maja weiß noch nicht, wie sehr Janne sie liebt, aber er versichert ihr, dass sie vor nichts und niemandem Angst haben muss. Was für ein Versprechen, und genau diese Furchtlosigkeit wird in der Zukunft das Überleben der beiden sichern. Lymi erklärt:
„Mir wurde klar, dass Majas Geschichte mir die großartige Gelegenheit bot, ein sentimentales Thema zu erforschen, an das ich mich zuvor noch nie herangetraut hatte. Ich wollte einen Film machen, in dem das Gefühl der Liebe verherrlicht wird. Diese Liebe ist geprägt von einer vollständigen und bedingungslosen Akzeptanz des anderen. Ich glaube, dass jeder Mensch es verdient, auf diese Art und Weise geliebt zu werden. Diese Liebe ermöglicht es der Person, die sie empfängt, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Sie verleiht ihr eine solche Resilienz und Stärke, dass sie die schwierigsten Momente des Lebens überstehen und sogar den Tod überwinden kann.“
Als Maja und Janne auf der Insel ankommen, sind sie allein und leben zunächst im Stall, bis das geplante Haus fertig ist. Sie fühlen sich befreit, und als Zeichen lässt Lymi sie sich im Freien entkleiden und ihre Ehe vollziehen. Paradiesische Zustände wie bei Adam und Eva, auch wenn die klimatischen Bedingungen sehr herausfordernd sind. Ihr Leben verläuft nicht ohne Krisen. Als Janne an einem stürmischen Tag auf Fischfang geht, kommt er nicht zur üblichen Zeit zurück. Die folgende Szene beschreibt Majas Eigenschaften treffend. Zunächst betet sie zu Gott. Als Janne immer noch nicht zu sehen ist, zündet sie ein Signalfeuer an. Vergeblich. Danach ruft sie die „Mutter des Meeres“ an, erklärt ihr, dass sie Janne liebt und er zu ihr gehört. Sie möchte ihn wieder zurückbringen. Und siehe da... Lymi zum Thema Naturgewalten:
„Ich glaube, dass wir unsere Verbindung zur Natur verloren haben, was bei uns ein Gefühl der Entwurzelung hinterlässt. Die Natur ist unendlich viel größer als wir, und trotz unseres technischen Fortschritts bleibt sie die Stärkere und kann uns von der Erdoberfläche verschwinden lassen. Maja findet ihre Spiritualität eher in der Natur als in der Religion. Das Meer mit den Lebensbedingungen, die es ihr auferlegt, bestimmt ihren gesamten Lebensrhythmus. Es versorgt sie mit Nahrung, kann aber genauso gut ihre Lieben töten und fortreißen. Auf diese Weise verkörpert es eine göttliche Macht, die sowohl nährend als auch zerstörerisch ist.“
Ein weiterer Konflikt zieht auf, als sie in der Großstadt Geschäfte erledigen. Maja hat Garn gesponnen und bietet es in einem Tuchladen zum Verkauf an. Dort wird sie von der Geschäftsfrau sehr gelobt, weil ihre Arbeit hervorragend ist. Doch der Stolz hält nicht lange an: Als sie eine Unterschrift auf den von der Frau geschriebenen Beleg setzen soll, wird klar, dass sie Analphabetin ist. Das ist zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Als Janne dann auch noch das von ihr verdiente Geld einfach an sich nimmt, verletzt sie das. Später auf der Rückfahrt klärt sich das ganz schnell. Janne hat sich keine Gedanken gemacht, weil grundsätzlich die Männer die Finanzen verwalten. Natürlich kann Maja bei der nächsten Gelegenheit eigenes Geld bekommen.
Ein Zeitsprung: Das Haus ist fertig, und das vierte Kind wurde gerade geboren. Janne und Maja ist es gelungen sich eine bescheidene Existenz aufzubauen. Die Kinder werden zu Hause unterrichtet, und die älteste Tochter lernt selbstverständlich lesen und schreiben, was Maja sich mit Mühe mittlerweile ebenfalls angeeignet hat. Die Idylle hält nicht lange an, als der Åland-Krieg (1854-1856) ausbricht und Janne sich vor englischen Soldaten verstecken muss, um nicht verschleppt zu werden. Maja ist mittlerweile so von der Liebe getragen und von Stürmen derart geprägt, dass sie Janne mit erstaunlicher Furchtlosigkeit und Entschlossenheit zur Flucht verhilft, während eine ganze Schiffsladung von Soldaten bei ihr im Hause ist. In der langen Zeit unter der Besatzung lernt sie sich durchzusetzen, wenn es ums Überleben geht und verschafft sich nach und nach den Respekt der Soldaten, insbesondere ihres Kommandanten John Wilson (Desmond Eastwood). Auch wenn sie sich fast zu Tode schuften muss, um die vielen Soldaten zu versorgen, lässt sie sich nicht zu Hass verleiten. Sie pflegt sogar die Wunden eines Soldaten, der ihr einmal übel wollte.
Lymi schildert die patriarchalische Gesellschaft ohne Übertreibungen oder Gewaltauswüchse. Majas Eltern (Tobias Zilliacus und Jonna Järnefelt) sind sehr tolerant und lieben ihre Kinder. Der Vater ist auch kein typischer Unterdrücker, aber sie leben in der Überzeugung, dass das eingeschränkte und fremdbestimmte Leben richtig ist und machen sich Sorgen um Maja, wenn sie zwischenzeitlich ohne Janne auf der Insel den Naturgewalten ausgesetzt ist: Diese wusste der Chef-Kameramann Rauno Ronkainen in atemberaubende Bilder umzusetzen, die von den Kompositionen Lauri Porras untermalt wurden.
Maja erlebt schwere Schicksalsschläge, aber an eine Rückkehr aufs Festland ist vorerst nicht zu denken, zu sehr hat das selbstbestimmte Leben sie geprägt. Für die bestehende Gesellschaftsordnung ist sie nicht mehr geeignet, diese scheint zu weit entfernt von der Wahrheit, die sie und Janne gelebt haben. Noch viel aberwitziger erscheint der Einbruch durch den Krieg, für den in ihrer Vorstellungskraft und in ihrem Paradies eigentlich kein Platz ist. Sie entziehen sich dem, so gut es unter den Umständen möglich ist. Doch die lange Zeit über mehrere Jahreszeiten lastet insbesondere auf Maja und ihrer heranwachsenden Tochter, die nun lautlos und mit gesenktem Blick leben müssen, um sich der Aufmerksamkeit der Soldaten möglichst zu entziehen. Auch dieser Krieg ist irgendwann zu Ende.
Linus Troedsson spielt einen kraftvollen und selbstsicheren Mann, der seine Familie über alles liebt. Amanda Jansson als Maja trägt den Film mit ihrem sehr intensiven und herausragenden Spiel. Die Liebe zwischen den beiden wirkt an keiner Stelle kitschig oder unglaubwürdig. Trotz seiner Überlänge von 164 Minuten wirkt der Film nicht langatmig, der Schluss sogar ein wenig überhastet. Aber die Bilder und die schauspielerischen Leistungen wirken noch eine ganze Weile nach wie auch die Vision von einer möglichen Gesellschaft, die von Liebe getragen ist.
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Maja (Amanda Jansson) verhilft ihrem geliebten Mann Janne (Linus Troedsson) zur Flucht vor den Soldaten | © Solar Films, Fotograf Antti Rastivo
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Helga Fitzner – 2. April 2025 ID 15214
Weitere Infos siehe auch: https://mindjazz-pictures.de
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