Die Sucht
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Bewertung:
Früher nannten sie sich Groupies also Frauen, die ihren Idolen der Popmusik folgten und ihre Begeisterung gerne mit einem Beischlaf würzten. Die Zeiten haben sich geändert, und der Name Groupie klingt nach Verrat am Feminismus. Heute gibt es After-Show-Partys und wer das „große Los“ zieht, darf hinterher noch ganz intim aufs Zimmer zum angehimmelten Superstar. Dass es damals wie heute in solchen Situationen sexistisch zugeht, ist für mich offenkundig. Insofern hat mich der Skandal um die Gruppe Ramstein und deren Sänger Till Lindemann eher überrascht, vermutete ich solche Exzesse auch bei anderen Gruppen.
Bela B Felsenheimer ist Mitglied der Punkrock-Band Die Ärzte und hat einen guten Einblick in das Geschäft rund um die Musik und vermutlich auch dem Sex danach. Sein Buch Fun dreht sich um die fiktive Erfolgsband nbl/nbl, die seit Jahrzehnten im Geschäft ist und damit gewisse Ähnlichkeiten zu Ramstein aufweist. Doch es gibt auch andere Gruppen, auf die diese Merkmale zutreffen. Bela B. geht es in seinem Gesellschaftsroman nicht darum einzelne real existierende Personen zu verurteilen. Die Probanden auf der Suche nach Fun lassen sich überall finden und nicht nur bei den Bands. So geht es in dem Buch auch um die Scheinheiligkeit derer, die mit dem Finger zeigen und für sich dennoch bei eigenen Interessen allerlei durchgehen lassen.
Die Konzerte von nbl/nbl sind Ereignisse in der Musikwelt, und deren Mitglieder hatten in den Jahren Zeit Allüren zu entwickeln, um Manager, Security und Techniker springen zu lassen. Und die haben auch dafür zu sorgen, dass die weiblichen Fans, die Zutritt ins Privatreich ins „Allerheiligste“ bekommen, schön und willig sind. Für Höflichkeiten oder fantasievolle Anmache bleibt da keine Zeit, selbst der Vorname der eigentlich Willigen kann dabei auf der Strecke bleiben.
„Falsch geraten“, sagt sie mit so viel Festigkeit in der Stimme, wie sie aufbringen kann.
Der Schlagzeuger zieht nachdenklich die Stirn in Falten. 'Echt nicht? Also ich hätte schwören können, dass du so heißt.' Er blickt sich suchend um. 'Ach nein, entschuldige Andrea. Du bist Andrea. Alara war jemand anderes.'
Sie lächelt kalt. 'Netter Versuch aber lass mal. Vielleicht findest du deine Andrea ja noch.'
Der Bodyguard kommt mit ernstem Blick auf sie zu. 'Ist bei Euch alles in Ordnung?'
'Ja. Ja', sagt der Schlagzeuger, der nun nicht mehr nur genervt, sondern richtig wütend zu sein scheint. 'Die Dame will gehen.'
Der Bodyguard mustert Alara. 'Okay Püppi, nach dir. Hier geht´s lang.'
Sie macht einen Schritt in die Richtung, die er ihr weist, als sie den Schlagzeuger noch etwas sagen hört.
Sie dreht sich um.
'Was war das?'
'Frigide Sau', zischt er."
(S. 15)
Nicht immer geht es im Roman so „glimpflich“ aus. Bei einer anderen jungen Frau gilt ihr „nein“ nichts, und sie wird von zwei Männern gleichzeitig vergewaltigt. Fun bis zum bitteren Ende, die Grenzen von Gesetzt und Anstand verschwinden, es geht um den ultimativen Kick.
Aber es geht nicht nur um die Band und ihre Exzesse. Parallel lernen wir die Familie von Maila kennen, die schon Karten für das nächste Konzert von nbl/nbl hat. Ihre Mutter wird sich am Konzerttag mit ihren überdrehten Freundinnen bei einem Schiffsturn auf der Havel amüsieren. Guido, der moderne, verständnisvolle Familienvater, nutzt die Abwesenheit seiner Frau für einen geplanten Seitensprung. Eigentlich gehören die Geschichten dieser Familie nicht in das Thema des Buches, sie sind Nebenschauplätze, die Bela B. mit der Haupthandlung verwebt. Und so kommt es zu einem großen Finale, bei dem der unbegrenzte Spaß an Grenzen stößt, bei dem selbst der abgefuckte Sänger von nbl/nbl aus dem Ruder gerät und sich gleichzeitig die Scheinheiligkeit der Familie von Maila offenbart. Ein entlarvendes Buch mit einem Schrei nach Gerechtigkeit, der aus Scham in der Realität leider oft überhört wird.
Bela B. ist ein spannender Gesellschaftsroman gelungen, der einen schockierenden Blick hinter die Kulissen erlaubt.
Ellen Norten - 31. März 2025 ID 15211
Heyne-Link zu
Fun von Bela B Felsenheimer
Post an Dr. Ellen Norten
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