Unheimlicher
Spion
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Eigentlich fängt es ganz harmlos und konventionell an. Kommissar Max Heller kehrt gemeinsam mit seiner Frau Karin und Pflegekind Annie vom Ostseeurlaub nach Dresden zurück. Wir schreiben das Jahr 1952. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, die Mauer steht noch nicht, doch der Verkehr zwischen Ost und West wird zunehmend schwieriger, das Misstrauen auf beiden Seiten steigt.
Zu diesem Zeitpunkt bekommt Karin eine Reiseerlaubnis in den Westen, um den gemeinsamen Sohn Erwin, der in Köln lebt, zu besuchen. Heller bleibt mit Anni allein zurück, ein leicht überforderter Familienvater, der ausgerechnet jetzt den Tod von zwei Menschen, die den Zeugen Jehovas angehören, untersuchen soll. Die beiden haben sich im Gefängnis anscheinend selbst stranguliert. Bis hierhin eine eher biedere Geschichte, die jedoch nun zunehmend an Fahrt gewinnt. Denn es bleibt nicht bei den beiden Toten, weitere Zeugen Jehovas sterben unter seltsamen Umständen, und Alexej, ein mysteriöser Russe, den Heller von früher her kennt, taucht plötzlich auf und beginnt ihn zu beschatten.
Die Szenerie wird unheimlich. Ist der Russe Täter oder Opfer? Diese Frage zieht sich durch den gesamten Roman, während sehr schnell deutlich wird, dass die Menschen, die von Heller und seinen beiden Kollegen verhört oder observiert werden, dies nicht lange überleben. Doch wer steckt dahinter, worin besteht der Zusammenhang. Sogar der Kommissar gerät selbst in Verdacht und wird von seinem Vorgesetzen instruiert.
„Sie wissen doch so gut wie ich, dass es keinen Grund geben muss, Max. Fünfundzwanzig Millionen Tote sind den Sowjets Grund genug. Selbst mir gegenüber sind sie misstrauisch, obwohl ich in Spanien gekämpft habe und zehn Jahre lang in Moskau war. Ich bin Deutscher, deshalb misstrauen sie mir. Max, gehen sie mit aller Vorsicht an den Fall heran. Handeln sie vollkommen transparent, geben Sie Informationen weiter, suchen sie den Kontakt zum MfS [Ministerium für Staatssicherheit der DDR]. Ich nehme an, es wird sowieso bald ein Verbindungsoffizier Kontakt zu ihnen aufnehmen.“ (S. 26)
Für Keller werden seine Ermittlungen zunehmend schwierig. Er will keine weiteren Menschen gefährden, doch weiß bald selbst nicht mehr, wer Freund oder Feind ist. Zu diesem Zeitpunkt nimmt ein Gerücht Gestalt an, es wird von einem amerikanischen Superagenten geredet; der Rabe, der eine Atombombe in Dresden zünden will. Gibt es den Agenten wirklich, oder muss Heller eher in den eigenen Reihen mit seinen Gegnern rechnen?
*
Der Roman Roter Rabe von Frank Godammer ist nicht nur ein spannender Thriller, er ist gleichzeitig auch eine Zeitstudie. Die 1950er Jahre, der Kalte Krieg, das Misstrauen, nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch die Angst vor Bespitzelung in den eigenen Reihen schaffen ein Klima der Beklemmung, das mit der anfangs geschilderten Ostseereise kaum noch in Einklang gebracht werden kann. Und doch lässt es sich leben unter den geschilderten Umständen, gibt es das kleine Glück und die Hoffnung, den ganz Großen im Hintergrund ihr Handwerk zumindest schwer zu machen.
Ellen Norten - 8. Februar 2019 ID 11199
Link zum Krimi:
https://www.dtv.de/buch/frank-goldammer-roter-rabe-26209/
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