Dubioses
Waldhotel
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Bewertung:
Harz, das ist sowohl Naherholungsgebiet als auch zugig kalte Einsamkeit, die hin und wieder von Hexen heimgesucht wird. Genauso präsentiert uns Lene Schwarz [in Waldesgrab] den riesigen Wald mit seinem Waldhotel „Quellbach“ – mal anziehend und mal abstoßend, je nach Jahreszeit und Besuchern. Leon ist Koch, bedient mit seinen Gerichten aber fast ausschließlich den Gasthofbesitzer und seine Jagdgesellschaften. Wie sich der schon fast baufällige Gastronomiebetrieb über Wasser halten kann, darf nur vermutet werden. Anscheinend geht es hier nicht nur um die Jagd. Der umgebende Wald birgt einige Verbrechen. Gleich zum Auftakt des Buches macht Leon einen grausigen Fund.
"Es (das Reh) stand keine fünf Meter entfernt im Zwielicht unter den Bäumen. (…) Er rechnete damit, dass das Tier jeden Moment wegsprang. Doch es blieb reglos stehen und starrte ihn mit seinen riesigen schwarzen Augen unentwegt an. Sie waren matt, ohne jeglichen Glanz. Auch die großen, weit aufgestellten Lauscher zuckten nicht. Das Reh stand tot im Wald. (…) Die deutliche Verdickung, die das Tier anstelle eines Halses hatte, war nicht mit Fell bewachsen. Es waren Haare, blonde Haare, zu schmutzigen Strähnen verklumpt. (…) Er blickte auf das Haupt eines Menschen, dem das Haupt eines toten Rehes wie eine Haube übergestülpt war. Dieser Mensch saß auf dem Waldboden, mit der linken Seite lehnte er an einer Fichte. Was Leon für den Rumpf des Tieres gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein menschlicher Rücken. Er war unter einem Rehpelz verborgen." (S. 7)
Bei der Leiche handelt es sich um seine Praktikantin Linda. Hier geht es um perfiden Horror, den die Autorin gekonnt zu schreiben weiß. Erstaunlich dabei, der Horror zeigt kaum Konsequenzen. Im Buch geht es mit „business as usual“ weiter, sprich das Restaurant öffnet trotz Polizeiermittlungen seine Tore. Schon bald findet Leon das nächste Mordopfer. Diesmal ist es Julia, die Lehrerin seiner Tochter Thea, die in einer Art Waldgrab verstümmelt liegt. Natürlich gerät Leon unter Verdacht. In dem düsteren Gasthof werden von ihm dennoch weiter Mahlzeiten zubereitet und der Betreiber hofft trotz der Morde auf neue Gäste.
Unterdessen präsentiert der Wald einige Geheimnisse. Der naheliegende Berg diente früher als Silberbergwerk, unterirdische Gänge und Stollen höhlen ihn aus. Anscheinend lebt dort nun ein Waldmensch, der der Zivilisation entflohen ist. Sollte es sich dabei um den totgeglaubten Nachbarn von Leon handeln? Von anderen Zeitgenossen werden die Schächte und Höhlen im Berg zudem als Versteck genutzt. Dann folgt wieder ein Leichenfund. Diesmal ist es eine Kollegin von Leon, was den Verdacht auf ihn erhärtet. Leon reagiert irrational, versucht gar nicht erst mit der Polizei zusammenzuarbeiten und wird unglaubwürdig.
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Manchmal darf der Leser, die Leserin dem Ermittler, in diesem Fall Leon, eine Nasenlänge voraus sein, denn dies kann die Spannung erhöhen. Peinlich wird es jedoch, wenn der Protagonist einfach nur naiv und dumm dasteht, wenn er sein Handy abschaltet, um einer Polizeiortung zu entgehen, bevor er zu einer möglicherweise gefährlichen Verabredung aufbricht oder diese in einem unübersichtlichen Gelände stattfindet, wo man sich leicht verpasst. Dazu scheint er auch nicht zu wissen, dass ein abgeschaltetes Handy lokalisierbar ist. Leon wirkt in seiner oft konfusen Vorgehensweise nicht stimmig. Auch die anderen Charaktere, wie seine Tochter Thea oder die Nachbarin Marlene, bleiben fremd oder wenig plausibel. Das ist schade, denn der Debütroman von Lene Schwarz ist über weite Passagen wirklich spannend, wirkt dann aber an entscheidenden Stellen konstruiert. Hier hätte ein gutes Lektorat vielleicht helfen können, so bleibt es ein mäßig guter Krimi.
Ellen Norten - 10. April 2020 ID 12155
Link zum Krimi
Waldesgrab
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