...schließt Oliver Frljić für die Bühnenfassung von Mary Shelleys Frankenstein seine Biografie mit der der Autorin kurz
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(C) Esra Rotthoff
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Bewertung:
Bereits für die vergangene Spielzeit hatte Regisseur Oliver Frljić eine Bühnenfassung des 1818 erschienenen Frankenstein-Romans der englischen Schriftstellerin Mary Shelley (1797-1851) am Maxim Gorki Theater geplant. Aufgrund eines Todesfalls in der Familie des Regisseurs wurde die Premiere von Frankenstein oder Das verlorene Paradies [ursprünglicher Titel] in die Spielzeit 2023/2024 verschoben. Die Auseinandersetzung mit dem Krebstod der Mutter hat Frljić scheinbar zu einer autobiografischen Intervention inspiriert und zu einer neu überarbeiteten Fassung geführt. Ein Alter Ego des Regisseurs führt durch den nun nur noch Frankenstein heißenden Abend. Weiterhin schließt Frljić seine Inszenierung mit dem Leben und Leiden der Autorin als Mutter kurz. Shelley erlitt zwei Fehlgeburten und musste den frühen Tod von zwei weiteren Kindern, der Mutter und ihres Mannes verkraften.
Von dem bekannten Schauerroman der englischen Romantik über den Schweizer Wissenschaftler Victor Frankenstein, der aus Leichenteilen ein monströses Wesen erschafft, das er, als es mordet und Forderungen an seinen Schöpfer stellt, wieder vernichten will, sind in Oliver Frljić‘ Inszenierung nur ein paar Schlüsselszenen übriggeblieben. Der Abend beginnt mit einer Ansprache von Marc Benner als Alter Ego des Regisseurs an die tote Mutter, die er damals, um die Proben für seine erste Inszenierung von Frankenstein beenden zu können, in ein Pflegeheim bringen musste.
Wer hier eigentlich das Monster sei, ist eine ganz zentrale Frage des Romans und wird auch in anderen Inszenierungen des Stoffs immer wieder thematisiert. Und auch in Jette Steckels 2021 am Deutschen Theater herausgekommenen Produktion Frankenstein kommt Mary Shelley als Autorin und Mutter zu Wort. Bei Frljić ist es die Schauspielerin Kate Strong, die in die Spielhandlung unterbrechenden Szenen als Shelley auf Fragen des Alter Egos zu Zusammenhängen ihrer Biografie mit dem Roman antwortet. Frljić These dabei ist, dass sich die Autorin anstelle der toten Kinder mit der Romanfigur des Monsters eine Art künstlerischen Ersatz schaffen wollte. Und so lässt der Regisseur nun auch seine Mutter in jeder Vorstellung wieder auferstehen und am Ende sterben. Eine künstlerische Ausbeutung der Mutter, die das Alter Ego auch gleich wieder selbst kritisiert. Frljić will also Kunst und Biografie engführen, unterfüttert seine Inszenierung dazu aber inhaltlich zu wenig. Einen wissenschaftlichen oder ethischen Aspekt und seine Auswirkungen scheint es für Frljić nicht zu geben.
Auf der von Igor Pauška lediglich mit einem alten Sofa vor aufgeschlagener handbeschriebener Buchwand ausgestatteten Bühne spielt das Ensemble in romantisch düsteren Kostümen (Katrin Wolfermann) einige Szenen aus dem Roman. So erlebt das Publikum den pathetischen Tod der Mutter Frankensteins, aus dem der Wunsch des Wissenschaftlers (hier Nairi Hadodo als weiblicher Frankenstein) entsteht, für den trauernden Bruder William (Aithonas Avgoustakis) den Tod zu besiegen. Über Kate Strong (als Wesen) liegend und ihr Atem einhauchend stellt Hadodo den Schaffensakt dar. Weiter wird der Mord des Monsters an William gezeigt und die darauffolgende Gerichtsverhandlung, bei der die unschuldige Dienerin Justine (Via Jikeli) dafür zum Tode verurteilt wird. Dazu fährt ein Holy-Bibel-Sarg hin und her. Ein weiterer Handlungsstrang behandelt die Liebe der Adoptivtochter Elisabeth (hier Doğa Gürer als Genderswitch-Bruder Eli) zu ihrem Bruder Victor, die in einer Ehe mündet. Das alles wird mit ein paar Popsongs wie Motherless Child oder There Must Be an Angel zu Choreografien (Evelin Facchini) mit großen Puppenköpfen untermalt.
Das geht trotz großem schauspielerischen Engagement nicht schlüssig mit den biografischen Zwischenspielen zusammen. Erwähnt wird noch die Beziehung von Künstler Jeff Koons und der Pornodarstellerin Cicciolina (Ilona Staller). Beispiel für einen künstlerischen Schaffensakts, aus dem ein Kind aus Fleisch und Blut entstanden ist. Mehr noch scheint sich der Regisseur aber für seinen Weltschmerz zu interessieren. Die ursprüngliche Idee von Frankenstein als Metapher für die beiden Deutschlands, verschmolzen zu einem „monströsen Wesen“, wich dem Wunsch, Deutschland möge „einen langsamen und schmerzhaften Tod“ sterben. Politisch brisanter wäre das allemal gewesen. Frljić zieht lieber Parallelen von sich zu Mary Shelley vor allem in der schwierigen Beziehung zu den Eltern. Obwohl Shelley ihre Mutter schon nach der Geburt verlor und dann eine Steifmutter hatte. Am Ende der Inszenierung betont das Alter Ego des Regisseurs, dass er nicht der Sohn war, den seine Mutter wollte, und sie nicht die Mutter, die er brauchte. Da ist wie in Falk Richters Produktion Silence in der Schaubühne von Schweigen die Rede. Dazu hätte man schon sehr gern mehr erfahren.
Hier schießt sich Marc Benner zum Song Suicide Is Painless aus dem Kriegs-Film M*A*S*H mit einer Theaterpistole in den Mund. Nicht ohne zuvor noch die dem Roman vorangestellten Milton-Verse „Ersucht’ ich dich, o Schöpfer, mich aus/ Lehm zu einem Menschen zu schaffen?/ Bat ich Dich, aus ew’ger Nacht/ Mich zu erheben?“ zu zitieren. Adams Klage nach dem Sündenfall. Das bezieht sich hier aber eher auf die Klage Frljić‘, für das deutsche Theater seine künstlerische Integrität geopfert zu haben. Nachzulesen im Interview für das Programmheft. Mehr Pathos geht wirklich nicht.
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Frankenstein am Maxim Gorki Theater Berlin | Foto (C) Uta Langkafel MAIFOTO
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Stefan Bock – 23. März 2025 ID 15200
FRANKENSTEIN (Maxim Gorki Theater, 22.03.2025)
Regie: Oliver Frljić
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Katrin Wolfermann
Choreografie: Evelin Facchini
Lichtdesign: Christian Gierden
Dramaturgie: Viktorie Knotková
Mit: Marc Benner, Kate Strong, Doğa Gürer, Hannah Müller, Nairi Hadodo, Via Jikeli, Sibel Limbird / Rosa Löwe und Aithonas Avgoustakis/ Linus Graeve
Premiere war am 22. März 2025.
Weitere Termine: 26.03./ 12.04.2025
Weitere Infos siehe auch: https://www.gorki.de
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