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Premierenkritik

Irres Rock-

Vaudeville

nach der

Musik von den

Tiger Lillies



Johannes Scheidweiler als Hamlet am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Bernd Schönberger

Bewertung:    



Mit einer ganz speziellen Fassung von Shakespeares Hamlet frönt Regisseur Armin Petras weiter seiner Leidenschaft für das britische Dark-Cabaret-Trio The Tiger Lillies. Am Staatstheater Cottbus hatten er und Musiker Miles Perkins bereits deren Album Two Penny Opera auf die Bühne gebracht. Nun kommt zu der von Perkins neu arrangierten Auswahl aus dem Hamlet-Doppelalbum der Band noch eine Spielfassung mit Texten aus der alten Schlegel-Übersetzung und Heiner Müllers Hamletmaschine, die der Dichter zur Wendezeit 1990 am Deutschen Theater Berlin selbst inszenierte Und auch Armin Petras hat Shakespeares Handlung in die Zeit der Wende verlegt. Der dänische Königshof ist hier ein in Abwicklung befindlicher DDR-Betrieb. Ein sogenanntes Reichsbahn-Ausbesserungswerk, kurz RAW, wie es auch eines in Cottbus gab. Die Deutsche Bahn hat als Nachfolgerin der Deutschen Reichsbahn mittlerweile einiges in Cottbus investiert und ein modernes Instandsetzungswerk für ICE am Cottbuser Hauptbahnhof hingeklotzt. Das bringt Arbeitsplätze und gilt als Vorzeigeprojekt für die Lausitz-Region.

Nicht so zur ostdeutschen Wende, als Werksschließungen an der Tagesordnung waren und westdeutsche Manager und Investoren die neuen Lande als günstigen Selbstbedienungsladen ansahen. So ein Macher ist in Petras Hamlet-Fassung Klaus (Markus Paul in der Shakespeare-Rolle des Claudius), der mit Geschenken bei der Betriebsdirektorin Gertrud (Sigrun Fischer) auftaucht und an der Urne des verstorbenen Hamlet-Vaters (im Video als Geist: Horst Kotterba) seine Aufwartung macht. Auch die Figuren des Horatio und Marcellus als Hamlets Gefährten hat Petras übernommen. Hier werden sie von Lucie Luise Thiede und Berit Jentzsch (Marcella) als weibliches Werkspersonal dargestellt. Kai Börner gibt den Brigadier Polonius. Seine Tochter Ophelia (Nathalie Schörken) ist im Gegensatz zur aufstrebenden Horatio eine junge Frau mit Anpassungsschwierigkeiten.

Als Wittenberg-Heimkehrer und Vaterrächer Hamlet berserkert Johannes Scheidweiler auf der von Julian Marbach als Werkshalle auf der einen und Direktionsbüro auf der anderen Seite gestalteten Drehbühne. Wie auf Start eingefroren stehen dort zu Beginn des Abends alle Figuren hinter einer Folientrennwand unter dem Eisernen Vorhang. Die anfängliche Schockstarre löst sich dann zur ersten Musik- und Tanznummer. Denn nicht umsonst heißt Petras Hamlet im Untertitel Ein irres Rock-Vaudeville nach der Musik von den Tiger Lillies. Zu deren Song "Sin" wird der alte Betrieb aufgeräumt, zu "King is dead" der alte König als Sinnbild für den alten Staat zu Grabe getragen. Die toll performten Songs (Choreografie: Berit Jentzsch) geben der Hamlet-Rumpfhandlung die passende Rahmung. Die Rock-Attitüde überwiegt. Die Sklaven (Slaves) der neuen Zeit versuchen ihren Platz zu finden.

"It's a cruel cruel world" aus dem Gossip-Song "Heavy Cross" singt Lucie Luise Thiedes Horatio unter sichtlich performativem Anpassungsdruck. Dem verweigern sich Hamlet und Ophelia. Er mit dem Baseballschläger in der Hand vor den „Ruinen Europas“ „Bla, Bla…“, sie mit Heiner Müllers bitterbösen Versen: „Ich bin Ophelia./ Die der Fluß nicht behalten hat./ Die Frau am Strick/ Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern“. Das passt sehr gut. Weniger gut funktioniert der Verschnitt von Müllers Textzitaten mit der alten Schlegel-Übersetzung, bei der man sich wie bei einer chaotischen Inszenierung einer texttreuen Wagner-Oper von Frank Castorf vorkommt. Antiquierter Hamlet-Text zum Umbau einer bankrottgehenden Staatswirtschaft, das will so recht nicht passen.

Dafür holen einen die Songs wieder ins Geschehen rein. Wie bei den Beastie Boys rappt Kai Börners Polonius an seine Tochter Ophelia gerichtet: "Stay away from him". Hamlet gibt wie immer den Wahnsinnigen und macht Ophelia ein Kind, das er nur kurz vor der Babyklappe retten kann. Trotzdem lässt der Held seine Geliebte im Stich, scheitert aber auch im Kampf gegen den neuen King, der als einzig Handelnder hier sogar den berühmten Hamlet-Monolog „Sein, oder Nichtsein“ bekommt, während der eigentliche Held den Baseballschläger in den Spinnt stellt. Es bleibt ihm zumindest noch die Einsicht: „Mein Drama findet nicht mehr statt.“ (Heiner Müller). Am Ende ist Ophelia, nicht ohne die Welt zu verfluchen, wieder tot und die Deutsche-Bank-Filiale, die Klaus in einem Container eingerichtet hat, brennt. Wer will, kann sich seinen eigenen Text dazu denken.

Gefallen hat es dem Premieren-Publikum in jedem Fall. Und Scheidweiler, der wie Petras zum Ende der Spielzeit das Staatstheater Cottbus vor der einjährigen Interims-Intendanz von Hasko Weber verlassen wird, gibt bereitwillig noch eine musikalische Zugabe. Fehlen werden sie beide.



Hamlet am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Bernd Schönberger

Stefan Bock - 31. März 2025
ID 15210
HAMLET (Staatstheater Cottbus, 29.03.2025)
Regie: Armin Petras
Musikalische Leitung und Live-Musik: Miles Perkin
Choreografie: Berit Jentzsch
Bühne: Julian Marbach
Kostüme: Philipp Basener
Choreografie: Berit Jentzsch
Video: Peta Schickart
Dramaturgie: Wiebke Rüter
Besetzung:
Hamlet ... Johannes Scheidweiler
Gertrud ... Sigrun Fischer
Klaus ... Markus Paul
Hamlets Vater ... Horst Kotterba
Ophelia ... Nathalie Schörken
Polonius ... Kai Börner
Horatio ... Lucie Luise Thiede
Marcella ... Berit Jentzsch
Heizer ... Miles Perkin
Brigade: Petra Brehmer, Jasmin Buder, Janine Durdel, Carolin Giller, Martha Hoyer, Oliver Koppelt, Thomas Mietk, Eddy Pälicke sowie Jörg Trost
Kind: Eliana Calita/ Olena Dovhalciuk
Premiere war am 29. März 2025.
Weitere Termine: 08.04./ 16.05./ 01.06./ 15., 25.06./ 12.07.2025


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatstheater-cottbus.de/


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