Castorf-Jünger
auf Sommerfrische
Silvia Rieger inszeniert die SOMMERGÄSTE von Maxim Gorki
|
|
Bewertung:
Viel rumgelegen wird in Silvia Riegers Inszenierung des 1904 uraufgeführten Dramas Sommergäste von Maxim Gorki. Die für ihre recht kühlen und eher formal strengen Regiearbeiten bekannte Volksbühnenschauspielerin hat mit Studierenden der Schauspielschule Ernst Busch eine relativ freie und ziemlich abgefahrene Version des vorrevolutionären russischen Konversationsstücks auf den Asphaltbeton der Volksbühne geknallt. Wer noch die Birken von Peter Stein oder den abgeranzten Charme von Alvis Hermanis‘ Gartenvilla in der Schaubühne im Kopf hat, muss sich hier allerdings schnell von der Vorstellung eines konventionell gespielten, melancholisch schönen Theaterabends verabschieden. Nur eine Plastikblume, ein großer Pappmache-Pilz und ein von Frank Büttner und Martin Otting im Blaumann hereingeschleppter weißer Baumstamm zeugen noch von ländlicher Restatmosphäre. Ein düsterer Sommernachtsalbtraum auf kahlem Asphalt.
Wirklich heller wird es auch nach einer längeren Bach-Ouvertüre nicht. Dafür brüllt und kreischt es dann umso lauter, leider meist auch etwas unverständlich aus dem Dämmerlicht, wo die DarstellerInnen in einzelnen Gruppen oder ineinander verknäult Gorkis Text bröckchenweise von sich geben. Es wird viel gesoffen, mal berlinert, mal gesächselt, unterm Pilz philosophiert und viel auf hohen Hacken rumgerannt. Dazu gibt es noch einen Lampionumzug und ein Picknick auf rotem Tuch. Das hatte sich bereits zuvor, vom Rang heruntergelassen, Theresa Riess als schrille Dichterin Kaleria um den Kopf gewickelt und als russische Sphinx finster prophezeiend das 1918 verfasste Gedicht Die Skythen von Alexander Blok rezitiert. Der gierige Asiat schaut auf den finster brütenden Germanen. Nun ja, ein bisschen weltgeschichtlicher Fremdtext darf es an der Volksbühne ja immer sein.
So wie dem Rad schlagenden Literaten Schalimow (Benjamin Kühni) seine Leser abhandengekommen sind, verliert das Publikum hin und wieder mal den Faden. Genauere Figurenzuordnungen erschließen sich nur für Kenner des Textes, was hier aber nicht weiter ins Gewicht fällt. Die schlaffe, russische Intelligenzija-Meute auf Sommerfrische unterscheidet sich eh kaum voneinander. Sie sind wie Blasen auf den Pfützen, kommen hoch und platzen - weiß Martin Otting, Berlins meistbeschäftigter Nebendarsteller. Er und Frank Büttner vom Volksbühnenensemble geben das Wächterpaar, das wie Waldorf und Statler aus der Muppet Show vom Rang aus das Treiben unten auf dem Asphalt zynisch kommentiert und zum Schluss die verstreuten Picknickreste wieder einsammeln darf. Büttner gibt retrospektiv den Castorf inklusive Wutausbruch und Mäusehirn.
Wie soll ich denn nur leben? Auf die große Frage des Stücks scheint es nach wie vor keine passende Antwort zu geben. Dafür wird dem Gorki gehörig der Tschechow ausgetrieben. Die Inszenierung zerfällt dabei aber zusehends in kleine, teils auch mal ganz amüsante Nümmerchen wie etwa einem Ausflug ins Pulp Fiction Trashfach. Kim Schnitzer zückt als Julia Filipowna den Revolver, ballert das Magazin leer und brüllt dann: „Pfoten hoch“. Darin lässt sie sich auch nicht von den beiden Clowns aus der Loge beirren, die von fehlender Form und Inhalt reden. Die Jugend hat halt ihren eigenen Kopf. Der Leere von Gorkis Figuren, die sich wie Scheintote auf Urlaub durchs Stück palavern, kann die Regie mit diesem bunten Kostüm-Karneval allerdings nicht allzu viel hinzufügen.
|
(C) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
|
Stefan Bock - 22. März 2016 ID 9212
SOMMERGÄSTE (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 18.03.2016)
Regie: Silvia Rieger
In der Bühne von: Bert Neumann
Kostüme: Laurent Pellissier
Licht: Torsten König
Einrichtung Musik und Ton: Wolfgang Urzendowsky
Dramaturgie: Sabine Zielke
Mit: Frank Büttner, Maximilian Hildebrandt, Daniel Klausner, Benjamin Kühni, Martin Otting, Marie Louise Rathscheck, Theresa Riess, Celina Rongen, Kim Schnitzer, Janet Stornowski, Ulvi Erkin Teke, Léa Wegmann und Felix Witzlau
Premiere war am 15. März 2016
Weitere Termine: 10., 16., 23. 4. 2016
Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin
Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de
Post an Stefan Bock
blog.theater-nachtgedanken.de
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
CASTORFOPERN
DEBATTEN & PERSONEN
FREIE SZENE
INTERVIEWS
PREMIEREN- KRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
THEATERTREFFEN
URAUFFÜHRUNGEN
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|