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Unsere Neue Geschichte (Teil 13)

Die Grenzenlosigkeit unserer Innenwelt



Bewertung:    



Burnout! Die junge Isländerin stand im Zenith ihrer Karriere und hatte gar nicht richtig mitbekommen, wie sie da hinein geschlittert war. Hrund Gunnsteinsdottír war mit ihrer Tätigkeit als Programmmanagerin für die UN so erfolgreich, dass sie sogar eine der begehrten Festanstellungen bekommen hatte. Dann stand sie plötzlich vor dem Aus. Statistiken zufolge werden schon 2020 Depressionen an die erste Stelle von Erkrankungen rücken, wozu auch das Burnout gehört. Als Beraterin für den Wiederaufbau in Kriegsgebieten und Programmen für Frauen hat die Regisseurin Hrund Gunnsteinsdottír viel Elend gesehen. Gewalt ist zu einem festen Bestandteil unseres Lebens geworden, ob wir sie aus eigener Erfahrung kennen oder durch die Medien vermittelt bekommen. Aber auch die ständige Ablenkung von außen lässt uns nicht zur Ruhe kommen.

„Wir sind auf dem Weg, unsere Verbindung zur Natur völlig zu verlieren“, fand Gunnsteinsdottír heraus und war auf der Suche nach Lösungen, wie wir Menschen unseren Weg zur Empathie, ursprünglichen Gefühlen und unserer Vorstellungskraft zurück finden können. In ihrer Dokumentation InnSæi – Die Kraft der Intuition stellt sie zusammen mit ihrer Co-Regisseurin und Produzentin Kristín Ólafsdottír berühmte Wissenschaftler, Künstler und spirituelle Tutoren vor, die erklären, wie wir unser volles Potenzial entwickeln und erleben können.




Wir haben die Verbindung zu unser reichhaltigen Innenwelt vielfach schon verloren | © Mindjazz Pictures


Hrund Gunnsteinsdottír kannte ihre Grenzen nicht, wusste nicht, wie sie mit der Trauer und dem Trauma umgehen sollte. Sie schloss diese Gefühle aus. Als sie eine Fehlgeburt hatte, ohne dies zu merken, hätte das ihr Weckruf sein müssen. Sie war aber schon so von sich selbst entfremdet, dass sie weitermachte. Sie hielt es für eine Tugend, auf Dauer 100 Stunden in der Woche zu arbeiten. Dabei war ihr klar geworden, dass die UN zu bürokratisch war und keine Verbindung zu den Menschen hatte, die sie ermächtigen sollte. Im derzeitigen Bildungs- und Arbeitssystem werden wir angehalten, unsere Intuition auszuschalten. Nach ihrem Ausstieg ging sie mit ihrer Freundin, der Filmemacherin Krístin Ólafsdottír, der Frage nach: Leben wir in unserem Kopf und nicht in unserem Gefühl, und wenn ja, wie wirkt sich das auf unser Leben aus? Auf ihrer Reise trafen sie mehrere interessante Experten.

Bill George, Professor für Managementpraxis der Harvard Universität in Boston, ist zu dem Schluss gekommen, dass in den letzten 25 Jahren der rein rationale Ansatz die Kreativität in den Unternehmen ausgelöscht hat. Auf der höchsten Stufe würden Entscheidungen aber intuitiv gefällt, denn das Rechnen können wir ja getrost den Computern überlassen. Jetzt fangen wir an zu verstehen, dass sich rational die Probleme der Welt nicht lösen lassen. Wir müssen einen neuen Ansatz finden. Intuition basiert auf Erfahrungen und ist in der rechten Gehirnhälfte angesiedelt, wo unterschiedliche Gedanken zusammengeführt und zu einem sinnvollen Ganzen verschmolzen werden können. Die Herausforderung der Welt wie Umweltprobleme, Armut, Überbevölkerung, Energieversorgung, Bildung, Krieg, Gesundheitswesen etc. sind bis heute ungelöst. Warum? Weil wir keine Ideen aus verschiedenen Disziplinen zusammengebracht haben. Wenn man immer nur die selbe wirkungslose Lösung wiederholt, wiederholt sich auch die Geschichte. So machen wir das seit 200 Jahren in Bezug auf Kriege.

Der Psychiater Iain McGilchrist schildert aus einer Sicht, dass die linke Hirnhälfte für den rationalen Verstand zuständig ist, und die rechte für die Intuition. Die linke hat die westliche Kultur beeinflusst und gestaltet, obwohl der Verstand nur Fakten aneinander reihen, sie aber nicht interpretieren kann. „Weisheit wurde durch Wissen ersetzt, Wissen durch Information, Datenbruchstücke... Aus evolutionärer Sicht müssen wir in der Lage sein, die Welt auf beide Arten zu sehen.“ McGilchrist definiert Intuition als Bewusstsein für feinstoffliche Dinge, die außerhalb unserer Aufmerksamkeit liegen, alles das, was wir unbewusst und unterbewusst wahrnehmen. Da 95 bis 99 Prozent unserer geistigen Prozesse in diesem unbewussten Zustand stattfinden, ignorieren wir unser tiefstes Wissen, wenn wir diese ausschalten.




Der Psychiater Iain McGilchrist erklärt die Aufgaben der rechten und linken Gehirnhälfte | © Mindjazz Pictures


Marti Spiegelman hat diverse akademische Ausbildungen. Auch sie sagt, dass die Menschen oft nicht mehr auf ihr inneres Wissen zurückgreifen können. Wir arbeiten mit Computerdaten, haben aber die Daten unserer Sinne abgeschaltet. Unser Gehirn wiegt 1,5 Kilogramm. Und 98 Prozent davon kommt ohne Sprache, Glauben, Logik und Strategie aus. Es erschafft diese Dinge für uns, ohne sie selber zu nutzen. Die verbliebenen 2 Prozent erhalten das, was die anderen 98 Prozent erschaffen, und gehen damit in die Welt hinaus. Die Neurowissenschaftler nennen das unseren relationalen Verstand. Er stellt Beziehungen zwischen den einzelnen Datenstücken her. Die restlichen 2 Prozent werden linearer Verstand genannt. „2 Prozent von 1,5 Kilogramm sind 30 Gramm. Das macht gerade mal zwei Esslöffel voll Hirngewebe. Ich sage das immer meinen Studierenden: Euer Bewusstsein passt gerade mal in zwei Esslöffel Gehirn. Aber was ist mit dem Rest?“ Wir können aber versuchen, unser Bewusstsein wieder von innen heraus auf die Außenwelt lenken. Die Bombardierung mit Bilderfluten und äußeren Ablenkungen ist so massiv, dass es aber fast unmöglich wird, unsere Intuition zu spüren.

Im Museum of Modern Art in New York hat die Performance-Künstlerin Marina Abramovic vor ein paar Jahren Besucherrekorde aufgestellt. Menschen haben gefühlte Ewigkeiten angestanden, um ihr für kurze Zeit gegenüber zu sitzen und ihr in die Augen zu schauen. Abramovic versuchte durch Atemtechnik, im Augenblick zu sein und sich so mit ihrem Gegenüber verbinden zu können. So machte sie eine nonverbale Kommunikation möglich. „Ich war sein Spiegel. An diesem öffentlichen Ort hatte der Besucher keine Möglichkeit zur Flucht, außer zu sich selbst. Und so entsteht eine Verbindung. Dann geschieht etwas, was wir meistens vermeiden, mit uns und in uns selbst zu sein.“ Bei Hirnmessungen wurde später festgestellt, dass Abramovic eine stärkere Hirntätigkeit aufweist als durchschnittliche Menschen. Die Gehirne der ihr gegenüber sitzenden Leute reagierten auf ihre Wellen. Das spielte sich alles auf unbewusster Ebene ab. So kann heute wissenschaftlich tatsächlich überprüft werden, ob Menschen die selbe Wellenlänge haben oder nicht.



Marina Abramovic bei nonverbaler Kommunikation mit einem Besucher | © Mindjazz Pictures


Malidoma Patrice Somé: Der Autor und Lehrer gehört zu den Ältesten des Dagara Volkes in Westafrika und meint, dass der Lärm und die Ablenkung in der Außenwelt die Verbindung mit uns selbst verhindern und den Klang der Innenwelt übertönen. Die Erde steht für das Weibliche. Angesprochen auf den Umstand, dass drei von fünf Frauen sexuelle Gewalt erlebt haben, führt er das auf einen Mangel an Empathie zurück. „Unsere Entfremdung von Mutter Erde spiegelt sich in dem fehlenden Respekt allem Weiblichen gegenüber. So lange das Weibliche unterdrückt wird, ist unsere Verbindung zu Mutter Erde in Frage gestellt. Wir haben die Erde so sehr missbraucht und die Orientierung verloren.“

Die Addison School in London verfolgt den Lernansatz MindUP. In der Schule wird Kindern beigebracht, achtsam mit sich selbst, mit anderen und ihrer Umgebung zu sein. Viele der Kinder, die heute zur Schule gehen, werden Jobs haben, die es noch gar nicht gibt. Deswegen ist MindUP eine gute Möglichkeit, sie auf das vorzubereiten. Sie werden in ihrem Selbstbewusstsein und in ihrer Vorstellungskraft gestärkt.

Inn Sæi bedeutet das innere Meer, nach innen schauen, und von innen nach außen schauen. Das innere Meer steht für die Grenzenlosigkeit unserer Innenwelt. “Wenn man sich selbst kennengelernt hat, ist man auch empathiefähig, kann sich in andere hineinversetzen und die bestmögliche Version seiner selbst sein“, fasst Hrund Gunnsteinsdottír ihre Erfahrungen aus den Dreharbeiten zusammen.

Inn Sæi ist insofern ein spannender Aspekt unserer Neuen Geschichte, weil wir so unabhängig von anderen und anderem in unsere Mitte kommen können und am Ende vielleicht mehr als nur eine Menge von 2 Esslöffeln unseres Gehirns zu nutzen lernen.


Helga Fitzner - 29. Juni 2016
ID 9409
Weitere Infos siehe auch: http://mindjazz-pictures.de/project/innsaei/


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