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Unsere Neue Geschichte (Teil 22)

„Saatgut ist ein Erbe, das künftigen Generationen gehört“



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Die indische Wissenschaftlerin Vandana Shiva ist als Umweltaktivistin eine sehr bekannte und schillernde Figur und mit verschiedenen Anliegen weltweit unterwegs. Sie hat selbst schon etliche Bücher veröffentlicht, aber dieses Mal hat sie der französische Journalist Lionel Astruc eine ganze Weile begleiten dürfen und ihre Ansichten und ihr Wirken journalistisch aufbereitet. Astruc ist selbst Autor und auf Ökologie und Gemeinwohlökonomie spezialisiert, hat sich durch einen wahren Berg von Informationen und Aspekten durchgearbeitet und in komprimierter Form auf nur 183 Seiten auf den Punkt gebracht. Der Titel und der Untertitel zeugen schon davon, dass das keine einfache Aufgabe gewesen ist: Eine andere Welt ist möglich - Aufforderung zum zivilen Ungehorsam. Das fasst Shivas Ansicht gut zusammen, dass es Lösungen für die globale Krise gibt, aber dass diese auch durchgesetzt werden müssen. Ihr Vorbild ist Mahatma Gandhi und dessen beispielhafter gewaltloser Widerstand.

Im Mittelpunkt steht die Bedeutung von Saatgut sowie die damit verbundene Ernährungsouveränität und -sicherheit. Shiva absolvierte eine ganze Reihe von Studiengängen wie Physik, Naturwissenschaft, Wissenschaftstheorie und promovierte über Grundlagenfragen der Quantenmechanik. 1993 erhielt sie den Right Livelihood Award, der auch „alternativer Nobelpreis“ genannt wird. Doch es war ein Seminar im Jahr 1987, das ihr Leben bis heute prägt. Dieses fand in dem französischen Dorf Bogève statt, wo sich etliche Vertreter der Saatgutindustrie zusammenfanden. Was die damals beschlossen, liest sich wie ein Wirtschaftskrimi. Sie sprachen ganz offen über ihre Zukunftsstrategien und planten, innerhalb der nächsten 30 Jahre die Kontrolle über unser Saatgut zu übernehmen. Aus diesem Grunde wollten sie sich zu einigen wenigen Großkonzernen zusammenschließen, um Einfluss auf die Politik und internationale Institutionen nehmen zu können. Das Instrument zur Aneignung sollten u.a. der Aufkauf aller Saatgutfirmen und Patente auf hybride und gentechnisch veränderte Organismen (GVO) sein.

Shiva begriff 1987 sofort die Tragweite des Geschehens. Schon auf dem Rückflug nach Indien überlegte sie sich Gegenmaßnahmen. In der Folgezeit reiste sie durch ihr Land, sammelte Saatgut und notierte dessen Eigenschaften, ob es dürreresistent ist, salzwasserverträglich etc. Sie sammelte Tausende von Sorten, vor allem die vom lebenswichtigen Reis, die in sogenannten Samenbanken deponiert sind. Dort kann jeder kostenlos Samen beziehen mit der Auflage, nach der Ernte etwas mehr als das Erhaltene zurückzugeben oder ihn mit Nachbarn und Freunden zu teilen. Derweil fusionierten die Saatguthersteller wie geplant zu wenigen Konzernen und gewannen übermächtigen Einfluss. Unter der Vorgabe, für mehr Wohlstand, vor allem in als rückständig gewerteten Regionen, zu sorgen und den Welthunger zu bekämpfen, traten die Saatgutriesen einen beispiellosen Siegeszug an. Die Bauern und Bäuerinnen wussten wahrscheinlich, dass Samen, der sich nicht vermehren kann und immer wieder neu nachgekauft werden muss, absurd ist, und schon gar der notwendig gewordene Kauf von immer mehr sogenannten Pflanzenschutzmitteln, die den Boden, die Nahrung und das Wasser vergiften. Aber das intensive Marketing und die Subventionierung durch Regierungen stellte nicht nur in Indien die Weichen für die Umstellung auf Monokulturen mit allen bekannten Folgen. Nach wenigen Jahren waren die Landwirte bereits „Gefangene des Systems“ (S. 77) und ohne samenfestes und selbst gezüchtetes, kostenloses Saatgut auch möglichen Alternativen beraubt.

Im Jahr 2004 wäre es in Indien beinahe zu einer Zwangsverordnung dieses standardisierten Saatguts seitens der Regierung gekommen, wobei das natürliche, aus der Biodiversität gewachsene ausgelöscht worden wäre. Dagegen wehrten sich Shiva und viele MitstreiterInnen, war es durch das hybride und GVO Saatgut doch schon weltweit zu Ernteausfällen und klimaschädlichen Auswirkungen gekommen. Mithilfe von AktivistInnen ist es lobbylosen AnalphabetInnen auf lokaler Ebene mitunter gelungen, die Absichten der Übernahme zu verhindern. Menschen, die naturnah leben, mögen über keine Schulbildung verfügen, aber sie haben über Jahrhunderte tradierte Kenntnisse im Anbau, also eine Beobachtungs- und Erfahrungswissenschaft. Doch die Konzerne ließen sich ihr milliardenschweres Geschäft nicht verderben und schufen einen möglichst gebundenen Markt, der vielen ErzeugerInnen keinen Ausstieg mehr ermöglicht. Im „Baumwollgürtel“ Indiens war die Katastrophe nicht aufzuhalten. 95 Prozent der Baumwolle befindet sich unter der Kontrolle der Unternehmen. Die Verelendung und Ausweglosigkeit der verschuldeten Landwirte führte in Indien zu einer großen Welle von Suiziden. Im Zeitraum von 1995 bis 2012 nahmen sich laut amtlichen Angaben 284.694 indische Bauern das Leben.

Shiva spricht von einem Krieg gegen die Natur und plädiert daher für einen Ökofeminismus. Die Vorstellung, dass die Erde ein Vorratslager sei, das unbedacht ausgeplündert werden könne und dass sich der Mensch jenseits davon befände, entspricht für sie männlichen Vorstellungen. Beim weiblichen Ansatz ist der Mensch Teil der Natur und Frauen „Bewahrerinnen des Lebens“ (S. 127). Sie fordert Männer daher auf, weiblicher zu werden - im geistigen Sinne - und sich damit auch von Männerklischees zu befreien. „Der größte Krieg, der gegenwärtig wütet, ist der gegen unseren Planeten... Unser Wasser, unsere Gene, unsere Körperzellen, unsere Organe, unser Wissen, unsere Kultur und unsere Zukunft sind so unmittelbar bedroht wie die Gegner auf einem traditionellen Schlachtfeld.“ (S. 149), erklärt Shiva.

*

Die Lösungsmöglichkeiten sind vielfältig. 1991 gründete Shiva die Organisation Navdanya, die Saatgut sichert, verteilt und auf einer Versuchsfarm anbaut und weiterentwickelt. Es ist ein Netzwerk von 120 indischen Gemeinschaftssaatgutbanken mit insgesamt 3.500 Reissorten, die infolge beharrlicher Aufklärungsarbeit bei den ErzeugerInnen entstanden: „Man musste sich die nötige Zeit nehmen, um jedem zu erklären, dass Saatgut eine Erbe ist, das künftigen Generationen gehört, und dass in Wirklichkeit ihre Freiheit und ihre Autonomie durch das Verschwinden der Sortenvielfalt bedroht waren.“ (S. 113) Erhebungen von FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) zufolge sind in den letzten hundert Jahren ungefähr drei Viertel der landwirtschaftlichen Biodiversität verschwunden.

Also ruft Shiva immer wieder zur Bürgermobilisierung auf zur Wiedererlangung der Selbstversorgung, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, für die sich eine wachsende Anzahl einschlägiger Organisationen global schon einsetzen: „Ich freue mich, dass in Europa die drei Säulen dieser Philosophie Gandhis vielfach praktiziert werden, insbesondere in Bewegungen wie Transition Towns, Colibris und der Essbaren Stadt.“ (S. 168) - Sie fordert Transparenz in Politik und Wissenschaft und Veröffentlichung von allen relevanten Studienergebnissen und moniert das Fehlen von Gegengutachten. Eine Erhebung aus dem Jahr 2013 ergab zudem, dass sechs von zehn Mitgliedern von Arbeitsgruppen in europäischen Behörden Verbindungen zur Industrie haben. Selbst derart offensichtliche Interessenkonflikte ziehen keine politische Enthaltung mehr nach sich, und so finden Entscheidungen zugunsten wirtschaftlicher anstatt klimaschonender Maßnahmen immer wieder Mehrheiten. Shiva nennt Subventionen „Waffen im Handelskrieg“ (S. 47). Dem allem muss zeitnah Abhilfe geschaffen werden. „Schließlich müssen die Gesetzgeber Patente auf Saatgut ganz einfach verbieten“ (S. 47), fordert sie. Es gibt schon viele tragfähige Konzepte auf verschiedenen Ebenen für Ernährungssouveränität und eine ökologische Agrarwende. Die müssen nur noch umgesetzt werden; und wenn das verhindert wird, ist aufgrund des kritischen Zustands der Erde für Shiva gewaltloser ziviler Ungehorsam ein probates und notwendiges Mittel.
Helga Fitzner - 8. August 2019
ID 11608
Link zum Sachbuch Eine andere Welt ist möglich


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