Berliner Philharmoniker
Werke von de Falla, Milliken und Janáček
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Bewertung:
Volles Haus, selbst die Chorstühle sind besetzt. Man spürt schon vor dem ersten Ton: Das ist kein gewöhnlicher Abend. Sir Simon Rattle steht wieder vor den Berliner Philharmonikern. Und bereits nach wenigen Minuten weiß man wieder, warum diese Begegnungen etwas Besonderes sind.
Manuel de Fallas Der Dreispitz beginnt nicht einfach, er fährt in den Saal: Das Orchester klatscht, ruft, spricht, spielt. Und Rattle kontrolliert vom ersten Augenblick an buchstäblich jeden Takt. Selbst ein Flötensolo lässt er nicht einfach laufen, sondern führt und modelliert es straff. Er ist zu hundert Prozent vorbereitet, schaut kaum in die Partitur, arbeitet mit kreisenden, manchmal fast massierenden Bewegungen und kitzelt noch aus einer Nebenstimme jenen letzten Akzent heraus, der plötzlich alles verändert.
Es ist schon für sich genommen eine Freude, diesem Dirigenten zuzusehen. Nicht weil er sich vor dem Orchester produziert. Sondern weil jede Bewegung eine musikalische Konsequenz hat. Und die Philharmoniker reagieren mit jener Mischung aus Präzision und Freiheit, die nur entstehen kann, wenn ein Orchester einen Dirigenten sehr gut kennt.
De Fallas Ballett entstand zwischen 1917 und 1919 für Sergej Diaghilews Ballets Russes; für die Londoner Uraufführung kamen die Choreographie von Léonide Massine und Bühnenbilder und Kostüme von Pablo Picasso hinzu. De Falla verarbeitet Cante-Flamenco-Stilelemente und Tanzformen wie Farruca, Fandango und Jota, ohne einfach spanische Volksmusik zu zitieren.
Genau das macht den Reiz des Stücks aus. Diese Musik klingt durch und durch spanisch und ist zugleich bis ins Letzte für ein großes klassisches Orchester gebaut. An diesem Abend wird hörbar, wie genial de Falla diese beiden Welten zusammengegossen hat. Das Wort passt tatsächlich: gegossen. Hier sitzt jeder Ton.
Die spanischen Farben, Rhythmen und melodischen Wendungen werden nicht folkloristisch ausgestellt. Sie verwandeln sich in raffinierte Orchestermusik. Gerade im zweiten Akt gibt es Streicheraktionen von atemberaubender Präzision und Schönheit. Und selbst in den großen Tuttipassagen bleibt der Klang transparent: Jede Stimme, jede Instrumentengruppe kann sich entfalten, ohne dass der Gesamtklang auseinanderfällt.
Die Mezzosopranistin Rinat Shaham hat in diesem Werk vergleichsweise wenig zu tun. Sie sitzt nicht demonstrativ als Solistin vor dem Orchester, sondern hinten mitten zwischen den Musikern, nahe den Hörnern. Eine schöne Geste, denn ihre Stimme ist tatsächlich eher eine weitere Farbe des Orchesters.
Shaham wippt lustvoll zu den spanischen Rhythmen, verfolgt das Geschehen und strahlt nahezu ununterbrochen. Allein diese sichtbare Freude ist schon ein Beitrag zu diesem Abend.
Und weil Rattle anschließend augenzwinkernd findet, sie habe heute etwas zu wenig Musik gehabt, bekommt sie noch knapp drei Minuten dazu: Xavier Montsalvatges "Canción de cuna para dormir a un negrito" aus den Cinco canciones negras. Eine kleine, wunderbar zurückgenommene Zugabe.
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Nach der Pause kommt die Gegenwart. Cathy Millikens why feather yellow, ein von der Stiftung Berliner Philharmoniker in Auftrag gegebenes Konzert für Englischhorn und Orchester, wurde erst am Vorabend uraufgeführt. Es ist für Dominik Wollenweber geschrieben, seit Jahrzehnten Englischhornist der Philharmoniker, und entstand in enger Zusammenarbeit mit ihm. Milliken kennt das Instrument aus eigener Praxis; sie spielte selbst Oboe und Englischhorn und leitete von 2005 bis 2012 das Education-Programm der Philharmoniker.
Das Stück beginnt ruhig, fast flächig. Pattern, lange horizontale Klanglinien, Farben, die sich weniger entwickeln als ineinanderschieben. Das entspricht durchaus Millikens Absicht. Sie beschreibt das Werk als ein Kontinuum zwischen Solo und Kollektiv, Alleinsein und Zusammensein. Mikrointervalle, arabische Maqām-Tonleitern, spektrale Harmonik, Tremoli, Triller und Mehrfachklänge gehören zum Material; selbst der weiche, leicht raue Ton des armenischen Duduk war eine Inspirationsquelle.
Wollenweber ist dabei zunächst fast Teil des Orchesters. Dann löst er sich allmählich daraus, übernimmt die Führung, setzt Impulse, wird zum eigentlichen Zentrum. Was ihm Milliken technisch abverlangt, ist enorm. Lange, intensive Passagen scheinen kaum Atempausen zu kennen; Mehrfachklänge, extreme Register und komplizierte Artikulationen fordern den Solisten sichtbar.
Schon nach wenigen Minuten lässt sich erahnen, welche physische Leistung dahintersteckt. Und doch behält Wollenweber vollkommen die Kontrolle. Sein Ton bleibt selbst unter größter Belastung konzentriert und erstaunlich schön.
Das Stück selbst hinterlässt dagegen einen zwiespältigeren Eindruck. Viele einzelne Momente sind interessant, manche Klangfarben faszinierend. Aber aus ihnen entsteht für mich kein zwingender musikalischer Erzählbogen. Vielleicht liegt genau darin sogar das Konzept: Milliken will ausdrücklich kein Gegenüber dramatischer Perspektiven, sondern langsam sich wandelnde Texturen und Kontinuen.
Im Konzert hat das allerdings seinen Preis. Man hört aufmerksam zu, ist von Wollenwebers Leistung beeindruckt – und wenig später beginnt das Stück bereits zu verblassen. Es bleibt weniger hängen, als man angesichts der technischen Raffinesse und der enormen Leistung des Solisten erwarten würde.
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Komponistin Cathy Milliken mit Dominik Wollenweber (Solist ihres uraufgeführten Englischhorn-Konzerts why feather yellow) und den Berliner Philharmonikern - beim MUSIKFEST BERLIN 2026 | Foto: Monika Rittershaus
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Umso unmittelbarer wirkt, was danach kommt. Mit Janáčeks Taras Bulba ist die musikalische Spannung plötzlich wieder auf eine andere Weise da: nicht als Klangfläche, sondern als Drama, Konflikt, Zuspitzung. Die dreiteilige Rhapsodie nach Gogols Erzählung über den Kosakenführer führt mitten hinein in Liebe, Gewalt, Tod und Schlacht und endet schließlich in einer geradezu visionären Apotheose. Im letzten Satz steigert Janáček die Musik mit Orgel und Glocken zu einem großen Choral.
Rattle dirigiert nun vollständig ohne Partitur. Alles sitzt, alles ist durchdrungen und souverän geformt. Die Philharmoniker spielen prachtvoll. Und doch ist es nach dem Erlebnis des ersten Programmteils fast merkwürdig zu sagen: Es ist vor allem schön.
Großartig gespielt, überzeugend, stellenweise überwältigend – aber weniger überraschend und für diesen Hörer auch weniger emotional als de Falla. Vielleicht hat der Spanier an diesem Abend einfach alles überstrahlt.
Am Ende bleibt deshalb nicht allein die Erinnerung an drei Werke. Es bleibt vor allem die Erinnerung an einen Dirigenten.
Sir Simon Rattle – das ist immer noch Weltklasse. Was für ein Glück, ihn wieder einmal mit den Berliner Philharmonikern erleben zu können.
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Steffen Kühn - 19. September 2026 ID 16048
MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie Berlin, 18.09.2026)
Manuel de Falla: El sombrero de tres picos (Der Dreispitz), Ballettmusik
Cathy Milliken: why feather yellow, Konzert für Englischhorn und Orchester (UA)
Leoš Janáček: Taras Bulba, Rhapsodie für Orchester
Rinat Shaham, Mezzosopran
Dominik Wollenweber, Englischhorn
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Sir Simon Rattle
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinerfestspiele.de/musikfest-berlin/
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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