Birtwistle, Mahler
Swedish Radio Symphony Orchestra
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Bewertung:
„daß ich einfach mit einem Schlage alles an Klarheit und Beruhigung verloren habe, was ich mir je errungen; und daß ich vis-à-vis de rien stand und am Ende eines Lebens als Anfänger wieder gehen und stehen lernen muss.“ (1908, Gustav Mahler an Bruno Walter)
Gustav Mahler stand in einer schweren Lebenskrise, als er sich zu seinem 48. Geburtstag nach Südtirol zurückzog. Kein Wunder vielleicht, dass er sich die von Todeshauch durchwehte Nachdichtung Die chinesische Flöte – Nachdichtung chinesischer Lyrik von Hans Bethges als Vorlage für sein neues Stück gewählt hat. Kein Wunder vielleicht auch, dass das Lied von der Erde – eine Sinfonie für eine Tenor- und eine Alt- (oder Bariton-) Stimme und Orchester zu einem Inbegriff für Mahlers Schaffen geworden ist. Mahler verbindet seine bevorzugten Gattungen – die Sinfonie und das Lied. Schmerzlich werden die Schönheiten des Lebens und der Natur beschrieben, es geht um Abschiede, ja - um den Tod: „Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!“.
Daniel Harding hat viele Jahr das Mahler Chamber Orchestra geleitet und ist heute noch sein Ehrendirigent. Er kennt Mahler, er liebt ihn und er schwelgt in der Partitur! [Vgl. Harding, Wiener Philharmoniker, 09.05.2015] - Physisch treibt er jetzt das Swedish Radio Symphony Orchestra zu fanfarenhaften Tuttis, gleich darauf bändigt er es und lässt die zauberhaften Harfen-, Celesta- und Glockenklänge hell schimmern. Und auch der wunderbaren schwedischen Hofsängerin Anna Larsson und dem schlackenlosen Tenor von Michael Schade lässt Harding genug Raum, um sich zu entfalten.
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Vor der Pause hörten wir ein Stück, welches sich auch mit der Natur, dem Leben, der Erde beschäftigt. Harrison Birtwistles Earth Dances ist ein vor Kraft strotzendes ca. 30 Minuten dauerndes Orchesterstück. Mit "Alles Viel" könnte man dieses Stück überschreiben – acht Percussionisten, volles Blech, volles Holz und ein komplettes Orchester. Im Gegensatz zu Mahlers Stück hat Earth Dances nichts Narratives. Die tiefe Klangwelt von Birtwistle strahlt in unzähligen Dimensionen. Wilde Überlagerungen dieser Klangflächen hinterlassen ein interessiertes Staunen, vielleicht zum Thema passend, vergleichbar dem Staunen eines Raumfahrers, der die Erde vom Weltall aus betrachtet. Das Orchester produziert geheimnisvolle schrundige Töne, welche man oft gar nicht einordnen kann. Staunen auch über die kleine Trompete, welche außerirdische Töne in den Saal schmettert. In dieser widersprüchlichen und vielsinnigen Struktur Linie zu halten, ist eine beeindruckende Leistung.
Großer Applaus für Orchester und Daniel Harding!
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Daniel Harding | © Mattias Ahlm / Sveriges Radio
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Steffen Kühn - 16. September 2015 ID 8869
MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie, 15.09.2015)
Harrison Birtwistle: Earth Dances für Orchester
Gustav Mahler: Das Lied von der Erde
ANNA LARSSON, Alt
MICHAEL SCHADE, Tenor
SWEDISH RADIO SYMPHONY ORCHESTRA
DANIEL HARDING, Leitung
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de/musikfest
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
Neue Musik
MUSIKFEST BERLIN
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