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Ballett

Atlantis,

getanzt



Luca Seixas und Isabella Pirondi in Atlantis am Münchner Gärtnerplatztheater | Foto (C) Marie-Laure Briane

Bewertung:    



Am Anfang ist Licht: kaltblaue Scheinwerfer bringen sich in Position, dann schlagen weiße Lichtkegel auf die Bühne. Sie beleuchten einen riesigen hängenden Kolben. Wie in einem Reagenzglas ist darin ein Wesen aus Atlantis gefangen, das Mädchen scheint in einer Flüssigkeit zu schweben. Synthetisch wirkende Tonlinien streifen durch die dunkle Szene. Sie passen zu den geometrischen Formen des wissenschaftlichen Labors, das sich auf der Bühne enthüllt. Und dann tauchen die Wissenschaftler auf, um ihren Fund zu analysieren bis er tot ist.

Sie bewegen sich wie Roboter, mechanisch, in immer wiederkehrenden Mustern. Und alle stecken sie in den gleichen weißen Overalls, mit Mundschutz und blauen Gummihandschuhen. Sie fassen ihr Opfer nicht einmal an, bewegen es mit Hilfe von gelben Angeln hin und her. Angeleitet von einem Projektleiter (großartig: Thomas Martino), der gnadenlos ein Rädchen ins andere greifen lässt. Ein verkopfter, verquerer Spezialist, dessen linkische, verdrehte, gleichwohl perfekt funktionierende Bewegungen zeigen, wie sehr ihm alles Natürliche und Menschliche längst fremd geworden ist.

Nur einer der Wissenschaftler nähert sich dem Forschungs-“Gegenstand“ mit natürlichem Mit-Gefühl. Beide finden einander in einem zarten Pas de deux (anrührend: Isabella Pirondi und Luca Seixas). Das Mädchen erzählt ihm von Atlantis, kann sich befreien, und der junge Wissenschaftler folgt ihr nach. Es beginnt eine Expedition. Die Reise führt durch eisige Regionen und endet schließlich im versunkenen Atlantis, einer Unterwasserwelt. Hier leben die Bewohner friedlich und voller Empathie miteinander, im Rhythmus der Gezeiten wie Seetang an Netzen hängend, einander zugewandt, schwerelos bewegt und sich bewegend, manchmal erwischen sie sogar einen Sonnenstrahl von oben. Der junge Wissenschaftler darf dieses Glück zwar erfahren, aber er kann unter Wasser nicht überleben. Doch die Einwohner von Atlantis begleiten sein Ende liebevoll. Keine Gummihandschuhe, dafür Berührung und Anteilnahme.

Zwei Welten stehen einander gegenüber. Die eine zeigt eine wissenschaftlich orientierte Oberwelt, getrieben von Forscherdrang - die andere das sagenhafte Atlantis unter Wasser. Entmenschlicht ist die eine, die der Menschen, empathisch die andere, die der Wasserbewohner. Das spiegelt sich überzeugend in den Choreographien (Karl Alfred Schreiner), die immer individueller und menschlicher wirken, je weiter die Expedition nach Atlantis vordringt.

Ein gelungener Aufbruch ins Unbekannte ist auch die musikalische Gestaltung. Pēteris Vasks, Fredrik Gran, Fazil Say, Elena Kats-Chernin, Brett Dean, Erkki-Sven Tüür sind zeitgenössische Komponisten, die die Zuschauer nicht mit vorgefertigten Atlantis-Erwartungen und entsprechenden Versatzstücken bedienen, sondern ganz eigene, ausdrucksstarke Klangwelten geschaffen haben. Sie fügen sich unerwartet bruchlos zu einem Musiktableau wie aus einem Guss zusammen. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz (Dirigent: Michael Brandstätter) bestätigt damit wieder einmal seinen guten Ruf.

Ein zartbitter schwebender Abend!




Atlantis am Münchner Gärtnerplatztheater | Foto (C) Marie-Laure Briane

Petra Herrmann - 11. Juni 2019
ID 11491
ATLANTIS (Gärtnerplatztheater München, 10.06.2019)
Ein Expeditionsballett

Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühne: Julia Müer und Heiko Pfützner
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger
Video: Meike Ebert
Dramaturgie: David Treffinger
Besetzung:
Ein Wissenschaftler ... Luca Seixas
Eine Atlantikerin ... Isabella Pirondi
Projektleiter ... Thomas Martino
Ensemble ... Alessio Attanasio, Özkan Ayik, Guido Badalamenti, Rita Barão Soares, David Cahier, Anna Calvo, Marta Jaén, Rodrigo Juez Moral, Mikayla Lambert, Amelie Lambrichts, James Nix, Ariane Roustan, Verónica Segovia, Javier Ubell, David Valencia, Lieke Vanbiervliet und Chiara Viscido
Oleg Ptashnikov, Klavier
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Uraufführung war am 7. Juni 2019.
Weitere Termine: 12., 16., 25.06. / 07.07.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.gaertnerplatztheater.de


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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