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Premierenkritik

Ist es

ein Traum?



Robin Adams und Vera-Lotte Böcker in Der Prinz von Homburg an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Wolf Silveri

Bewertung:    



Der Prinz von Homburg träumt einen Traum, in dem Freiheitsverlangen und Gerechtigkeit keinen Widerspruch bilden. Er will für seine Insubordination keine Begnadigung. Und der Kurfürst von Brandenburg will den Prinzen nicht durch eine Begnadigung beleidigen. Dass das Gesetz, gegen das der Prinz verstoßen hat, gerecht sei, wird nicht in Frage gestellt, auch nicht durch den positiven Ausgang des Verstoßes. Es wird vorausgesetzt. Auf Strafe kann nur verzichtet werden, wenn der Prinz selbst ihre Berechtigung nicht einsieht.

Ein heutiges Stück? Wo leben jene, die das behaupten? Wo würden heute Prinzipien als allgemeingültig anerkannt, wenn sie gegen die eigenen Interessen verstoßen? Wo würde heute mit aller Strenge gegen Verstöße vorgegangen, wenn die Gesetzesbrecher zur Family gehören? Wo geht die Gleichheit vor dem Gesetz vor Vetternwirtschaft? Kleists Drama ist von unserer Gegenwart so weit entfernt wie Kant von Safranski.

Der Regisseur Stephan Kimmig hat die Handlung unaufdringlich in die Gegenwart verlegt, seine Kostümbildnerin Anja Rabes unterstützt ihn mit zeitloser Kleidung. Katja Haß hat einen weißen, wie unbewohnten Raum entworfen, der sich dann zu einer schäbigen gekachelten Schlachterei verwandelt. Farbtupfer unterstreichen die Bedeutung von Details. Der Handschuh, den der Prinz im Traum von Natalie entwendet, ist ein klobiger Boxhandschuh. Die Militärs wiederum trainieren an der Ballettstange. Der Krieg, der bei Kleist einen anderen Stellenwert hat als bei Remarque, nähert sich dem Tanz an.

Hans Werner Henze hat sich noch vor knapp 60 Jahren eng an Kleist und somit an die „preußischen Tugenden“ gehalten. Sein Prinz von Homburg ist eine Literaturoper wie Wozzeck, Carmen, Jenufa, Aus einem Totenhaus oder Lady Macbeth von Mzensk, das Libretto von Ingeborg Bachmann ist kein Beiwerk, sondern integraler Bestandteil des Kunstwerks, und Kimmigs Inszenierung respektiert die Bedeutung des Wortes. Wenn der Prinz in einer Zelle festgehalten wird, sieht man in den Spiegelwänden den Dirigenten. Kein Zweifel: wir befinden uns in der Oper, auch oder gerade dann noch, wenn, vor dem Ende, die Saaltüren geöffnet werden: „Ist es ein Traum?“

*

Cornelius Meister dirigiert Henzes Partitur als das, was sie tatsächlich ist: ein Klassiker der Moderne, so fern, so nah. Oper im Vollbewusstsein der Gattung. Die Besetzung – allen voran Robin Adams als der Prinz von Homburg, Vera-Lotte Böcker als Prinzessin Natalie von Oranien, Moritz Kallenberg im Schlapphut als ein fast proletarischer Graf Hohenzollern, Helene Schneidermann als Kurfürstin und Stefan Margita als der Kurfürst Brandenburg - lässt nichts zu wünschen übrig.

Ein Sonderlob für das Programmbuch. Es wurde nicht, wie so häufig, mit Texten gefüllt, die den Dramaturgen assoziativ zum Werk eingefallen sind und oft nur wenig mit ihm zu tun haben, sondern bleibt dicht an Kleist, Henze und Bachmann, öffnet den Blick für zentrale Aspekte des Dramas und der Oper, insbesondere für die in diesem Zusammenhang viel diskutierte Problematik des Traums.




Der Prinz von Homburg an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Wolf Silveri

Thomas Rothschild – 18. März 2019
ID 11286
DER PRNZ VON HOMBURG (Opernhaus, 17.03.2019)
Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Anja Rabes
Video: Rebecca Riedel
Licht: Reinhard Traub
Dramaturgie: Miron Hakenbeck
Besetzung:
Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg ... Štefan Margita
Die Kurfürstin ... Helene Schneiderman
Prinzessin Natalie von Oranien ... Vera-Lotte Böcker
Prinz Friedrich Artur von Homburg ... Robin Adams
Graf Hohenzollern ... Moritz Kallenberg
Feldmarschall Dörfling ... Michael Ebbecke
Obrist Kottwitz ... Friedemann Röhlig
Wachtmeister ... Johannes Kammler
Erster Offizier ... Mingjie Lei
Zweiter Offizier ... Paweł Konik
Dritter Offizier ... Michael Nagl
Erste Hofdame ... Catriona Smith
Zweite Hofdame ... Anna Werle
Dritte Hofdame ... Stine Marie Fischer
Staatsorchester Stuttgart
Premiere an der Staatsoper Stuttgart: 17. März 2019
Weitere Termine: 20., 22., 29.03. / 06.04. / 04.05.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de


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