Berlin Karl-Marx-Platz
Hakan Savaş Mican beendet seine Stadttrilogie mit einer emotionalen Ost-West-Geschichte eines ungleichen Künstlerpaars in den Berliner Wendejahren
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Bewertung:
Die Intendanz von Shermin Langhoff neigt sich langsam dem Ende zu. Jede Premiere gleicht einem kleinen Endspiel. Zum Ende kam Anfang November mit Berlin Karl-Marx-Platz auch die Berlin-Trilogie von Regisseur Hakan Savaş Mican, die 2020 mit Berlin Oranienplatz begann und 2021 mit Berlin Kleistpark fortgesetzt wurde. Von Anfang an dabei waren Sesede Terziyan und Taner Şahintürk, die auch beide seit 2013 Mitglied im Ensemble des Maxim Gorki Theater sind. Im dritten Teil der Stadt-Trilogie spielen sie das ungleiche Paar Lisa aus Marzahn und Cem aus Neukölln, dass sich 1990 in den Berliner Wendewirren in den Straßen Neuköllns trifft. Das Stück, wieder mit sehr viel live gespielter und gesungener Pop- und Rock-Musik (unter der Leitung von Peer Neumann), begleitet die beiden durch Höhen und Tiefen ihrer Beziehung bis kurz vor dem Millennium.
Der junge Deutsch-Türke Cem verlässt nach Jahren die Moschee in seinem Stadtviertel, um als Street-Art-Künstler durchzustarten. Er entwickelt für eine Graphik-Novell die weibliche Heldenfigur Nefes mit einem magischen Kopftuch, für die sich aber zunächst kein deutscher Verlag interessiert. Cems Mutter (Anastasia Gubareva) die einst in einer Fabrik schuftete und nun als Bauchtänzerin ihr Geld verdient, beschwört ihren Sohn seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht zu verkaufen. Die junge Ostdeutsche Lisa aus Marzahn verkauft im Westteil der Stadt illegal Zigaretten, um sich mit dem Geld ein Gesangsstudium zu finanzieren. Ihr Großvater Paul (Falilou Seck) hatte einst eine Opernkarriere in der DDR, die nach der Flucht von Lisas Mutter in den Westen abrupt endete. Nun besteht seine Ehrgeiz darin Lisa irgendwann auf einer großen Opernbühne zu sehen. Mit Vorurteilen behaftet missbilligt er die Verbindung der beiden, die bald auch schon ein zunächst ungewolltes Kind erwarten.
Von nun an beginnt der Kampf um die Verwirklichung ihrer Träume und die fragile Liebe. Zwischen Pflicht und Selbstverwirklichung reibt sich das Paar immer mehr auf. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben und einer Karriere als Künstler. Während Cem unbeirrt und kompromisslos seinen eigenen Weg geht und das Kind nicht als Hindernis sieht, gibt Lisa schließlich ihr Gesangsstudium auf und verlässt die sie einengende Kleinfamilie, um eine eigene Mode- und Kosmetiklinie in Paris aufzubauen. Ost- gegen West-Sozialisierung, alter gegen neuen Kapitalismus und oller Marx gegen real gescheiterten Sozialismus kennzeichnen die gesellschaftlichen Konflikte dieses Recht interessanten Panoramas einer zusammenwachsenden Stadt.
Das wird nicht ohne Klischees aber durchaus glaubhaft erzählt. Gebrochene Lebenswege dieser Art gab es zu Wendezeiten sicher in beiden Teilen Berlins und ganz Deutschlands. Der Vergleich des immer schon stark postmigrantisch geprägten Westteils Berlins und den Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen Teilhabe dieser Communitys mit den nach der Wende nach neuen Entwicklungsmöglichkeiten suchenden Deutschen im Ostteil der Stadt bildet einen guten Vergleich und Abschluss dieser Berliner Stadttrilogie, die auch diesmal vor allem mit einem gut ausgewählten und emotionalen Soundtrack aufwartet. Mitreißend ist schon der Beginn, bei dem Taner Şahintürk mit Thunderstruck von AC/DC gleich in die Vollen geht. Passend zu Berlin gibt es Musik von David Bowie (Heroes) und Nick Cave (Wheeping Song) aber auch von Queen, Nine Inch Nails (Hurt) oder Metallica (Sad But True). Die Liveband arrangiert das meist mit einem etwas orientalischem Einschlag und die vier SchauspielerInnen können dabei auch in ihren Gesangsparts überzeugen.
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Berlin Karl-Marx-Platz am Maxim Gorki Theater | Foto (C) Ute Langkafel MAIFOTO
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Stefan Bock - 28. Dezember 2025 ID 15627
BERLIN KARL-MARX-PLATZ (Maxim Gorki Theater, 25.12.2025)
von Hakan Savaş Mican
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Alissa Kolbusch
Kostüme: Miriam Marto und Sylvia Rieger
Musikalische Leitung und Komposition: Peer Neumann
Livemusik: Peer Neumann, Kristina Koropecki, Isabelle Klemt, Dima Dawood, Ömer-Kaan Özdağ, Ceren Bozkurt und Cham Saloum
Lichtdesign: Carsten Sander
Video: Sebastian Lempe
Illustration: Steffi Stagge
Tanzcoach: Sabrina Hawemann
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit: Sesede Terziyan, Taner Şahintürk, Falilou Seck und Anastasia Gubareva
UA war am 1. November 2025.
Weitere Termine: 11., 25.01.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.gorki.de
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