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RUHRTRIENNALE 2026

Sex rebels

in der

Kraftzentrale

BALKAN EROTIC EPIC von Marina Abramović


Bewertung:    



Nackt schreiten sie durch ein düster-morbides Setting. Performer massieren sich live die Brüste, interagieren intim mit Plastikskeletten und bewegen sich in unnatürlicher Langsamkeit. Die Akteure winden sich zärtlich um Gräber, Kreuze und Kruzifixe. Schwankend formieren sich hier Grenzüberschreitungen. Die jungen Frauen und Männer nehmen möglicherweise Fäden in der Vergangenheit auf und durchdringen mit ihrem sinnlichen Tun unterschiedliche Facetten der Trauerarbeit. Es ist ein Minimal Acting mit Vieldimensionalität: Die Darsteller nehmen sich zurück und bleiben trotzdem im Zentrum.

Marina Abramović ist ein Mensch von großer Strahlkraft. In der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg Nord schafft die 79-Jährige ein Spannungsfeld vielseitiger Arrangements und durchstößt dabei gängige ideologische Raster. Etwa 75 Performer und Tänzer agieren parallel in 13 Tableaus. Die Szenen zeigen Fruchtbarkeitsrituale und sind oftmals überraschend, manchmal verstörend. So rammeln einige Akteure nackt den künstlichen Rasenboden, um ihn rituell zu düngen. Performerinnen reißen ihre Röcke hoch und strecken ihre Genitalien gen Himmel, um böse Geister oder den Regen abzuwehren.

Bis Ende August wurde bereits im Berliner Gropius Bau Balkan Erotic Epic als Einzelausstellung gezeigt, in der filmisch und intim skulpturale Einblicke in archaische Fruchtbarkeitsrituale vorgestellt wurden. In Duisburg gipfelte das Projekt nun bei der RUHRTRIENNALE in einem monumentalen Live-Geschehen, das diese Mythen als immersives, radikales Theaterereignis direkter erfahrbar macht. In Berlin wie auch in Duisburg dienen fünf monumentale Riesen-Phalli, die wie urzeitliche Pilze aus dem Boden wachsen, als begehbares Kunstobjekt. Die bereits in Berlin gezeigten repetitiven Bewegungsabläufe (wie rhythmisch schwingende Männergesäße) laufen in Duisburg als überdimensionale Filmprojektionen im Hintergrund. Eine der kontroversesten Sequenzen des Projekts, „Men with Erections in National Costume“, zeigt eine lange Reihe von Männern in traditionellen balkanischen Trachten, die frontal vor der Kamera stehen. Die Männer haben ihre Hosen geöffnet und präsentieren erigierte Penisse, während sie ansonsten in stolzer, starrer Volkstracht verharren. Die spalierstehenden Herren werden in Duisburg, wie bereits in Berlin, nur in einer Film-Dauerschleife gezeigt, während Frauen live ihre Vulva zeigen, um bei den sogenannten Regengöttern für ein Einsehen zu werben.

Fotos oder Videomitschnitte der vierstündigen Performance sind in Duisburg streng untersagt. Vor Beginn wird kontrolliert, ob die Besucher ihre Smartphone in dafür vorgesehene Behältnisse verschlossen haben, die erst am Ausgang wieder entriegelt werden können.

Die Performance in Duisburg beginnt mit einem Trauermarsch und dem Einzug einer balkanischen Brassband, verstärkt teilweise durch elektronische Musik. Das Publikum – bestehend aus rund 1.200 Zuschauern pro Abend – folgt der Band in die riesige, mit schwarzem Teppich ausgelegte Halle.

So wie Josip Broz Tito (1892-1980) und andere Autokraten und Diktatoren eine eigene Erzählung, einen Mythos inszenierten, so macht es auch Abramović in ihrer Performance. Im Eingangsbereich greift sie das Jugoslawien unter Tito auf, seine Beerdigung. Die anfänglich starre, staatstragende Trauer um den Diktator wandelt sich zu einem orgiastischen Fest des Lebens und Sterbens. Titos Tod wird im Grunde nicht mehr wehmütig betrauert, sondern rituell in den balkanischen Kreislauf aus Eros, Tod und Wiedergeburt überführt. So treffen in einer detailgetreu nachgebauten, rustikalen Balkan-Kneipe (Kafana) traditionelle Tänze und Musik auf den Partisanenmythos im Sozialismus.

Angereichert wird dieser Exzess auf den Tischen und dem Dach der Kneipe auch um homoerotische Momente. Wir fühlen uns wie Zuschauer, die von außen auf die Szenerie blicken, vielleicht so, wie es noch bei einem Jugoslawienurlaub in den 1980er Jahren möglich war. In einer Szenerie wird eine Frau geschminkt, mit scheinbar traditioneller Gesichtsbemalung, während auf einem Fernsehgerät in Schwarz-Weiß das kollektive Begräbnis des jugoslawischen Staatschefs aus dem Jahr 1980 läuft.

Der einzelne Mensch wird hier mit seiner Tradition dem damals neuen sozialistischen Staat gegenübergestellt. Abramović verweist auf folkloristische Themen mit alten Ritualen, die bis ins frühe Mittelalter zurückgehen. Diese sind auffallend stark sexuell konnotiert.

Was als Satire anmuten könnte, beschreibt die serbische Performancekünstlerin auch in einem englischsprachigen Vor-Ort-Gespräch mit RUHRTRIENNALE-Intendant Ivo Van Hove [s. Foto unten] mit großem Ernst. Wem begegnen wir hier? Einer Idee der Künstlerin über die tiefe und heilsame Wirkung des Sexuellen - einer Satire auf einen Ethnoromantizismus? Auf jeden Fall aber auch Menschen, die sich hier eine Blöße geben und dabei keinesfalls gefilmt werden dürfen.

Die Pionierin der Konzeptkunst trägt bei ihrem RUHRTRIENNALE-Künstlergespräch ein rotes Kleid in einem eher grauen Setting. Sie erklärt, vom Paganismus inspiriert zu sein. Die Vermittlung von „depths“ (dt. Tiefe) im Theater – also einer vielschichtigen und sinnlichen Eindringlichkeit – hält sie jedoch für eine große Herausforderung. Im Gespräch mit Van Hove und dem Publikum lobt die Schöpferin des Abends die einzigartige, enorme Platzkapazität der Kraftzentrale, in der Rituale nebeneinanderstehen können und trotzdem die Spannung gehalten wird. In einem klassischem Theater hätte die Performance weniger Sinn gemacht, so die Künstlerin. Van Hove lobt, dass das Gezeigte nie wie rohe Pornografie wirke.

Offen äußert sich die Ikone der Performance-Kunst über die strenge Erziehung ihrer regimetreuen Mutter, die in dem Gezeigten eine Rolle spielt. Über Tito behauptet sie provokativ, er sei ein Diktator gewesen, „den wir alle liebten“: „We needed someone like him.“ Die Choreografin des rituellen Exzesses erläutert: „Communism is easy and simple.“ So erhielt man früher ihr zufolge für kleinere Vergehen vier Jahre Haft, wenn man Tito nicht beleidigt hatte, und für das gleiche Delikt sechs Jahre, wenn man ihn beleidigt habe. Auf Fragen aus dem Publikum über frühere prominente Arbeiten, bei denen die Serbin selbst eine aktivere Rolle einnahm, antwortete sie: „This is old work. I liberated myself from fear of pain.“ Der Applaus des kunstinteressierten Publikums ist ihr sicher.

Auf eine Zuschauerfrage nach dem Gespräch, ob denn die historisch und im Ablauf sehr im Detail beschriebenen Brauchtümer tatsächlich volkskundlich belegt sind oder der Phantasie der Künstlerin entstammen, behauptet sie entschieden, dass es im Balkan schon vor langer Zeit derartige rituelle Handlungen gab und dass Sexualität eine sehr positive Kraft sei. Ob das Dargestellte wirklich ethnologisch-volkskundlichen Ansprüchen gerecht, wird kann allerdings bezweifelt werden. Wie hier entzieht sich auch das gesamte Werk der Künstlerin einer exakten Deutung und bezieht auch gerade daraus seine Kraft. Somit geht es eben nicht darum, ob hier eine weitere „alternative Wahrheit“ geschaffen wurde – viel interessanter ist es zum Beispiel, ob sich serbische Nationalisten oder andere erzkonservative Kräfte herausgefordert fühlen könnten.

Abramović meint:


„I don’t believe I can ever show it in the Balkans. All rituals really exist. It is funny. Our primal energy can go into different areas. It’s about exhaustion. You experience it. Life takes over. True moments are unpredictable, like Gypsy moments. Sometimes it looks like a Greek tragedy. The public wants to be part of something in the present time, just here and now.“ (frei und sinngemäß ins Deutsche übersetzt: „Ich glaube nicht, dass ich das jemals auf dem Balkan zeigen kann. All diese Rituale existieren wirklich. Es ist seltsam. Unsere Triebkräfte können in ganz unterschiedliche Bahnen gelenkt werden. Mir geht es um Sexualität als anarchische und kreatürliche Energie. Man durchlebt sie. Das Leben übernimmt die Regie. Wahre Momente sind unvorhersehbar, so wie rauschhafte Augenblicke. Manchmal wirkt die Performance wie eine griechische Tragödie. Das Publikum möchte in der Gegenwart Teil von etwas sein, genau im Hier und Jetzt.“)


Am Ende bleibt eine aufwühlende Grenzerfahrung, die vermeintliche Widersprüche zwischen archaischem Mythos, sozialistischer Historie und eindrücklich choreografierter Körperlichkeit miteinander verschmilzt.



Marina Abramović im Gespräch mit RUHRTRIENNALE-Intendant am 5. September 2026 im Landschaftspark Duisburg Nord | Foto © Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 12. September 2026
ID 16035
Weitere Infos siehe auch: https://www.ruhrtriennale.de/


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