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SALZBURGER FESTSPIELE 2022

Unbefriedigend



Bewertung:    



Das Drama Reigen, geschrieben 1896-97, ist Arthur Schnitzlers erfolgreichstes Bühnenstück. Ein paar Aufführungsskandale und einen Prozess hat es dazu seinerzeit gegeben. Heute wirkt dieser Reigen aus 10 ganz konventionellen, sexuell heteronormativen Paarbegegnungen für einige sicher nicht mehr ganz zeitgemäß, obwohl das Stück immer noch gern gespielt wird. Es steht den inszenierenden RegisseurInnen natürlich frei, das Paare-Karussell nach Belieben neu zu bestücken. Im Original treffen sich Dirne und Soldat, Soldat und Stubenmädchen, Stubenmädchen und junger Herr usw., bis sich am Ende der Reigen bei einem Grafen und der Dirne vom Anfang wieder schließt.

Für die SALZBURGER FESTSPIELE in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich bringt die Regisseurin Yana Ross Schnitzlers Reigen nun in einer ganz neuen Fassung heraus. Zehn AutorInnen haben dafür eigene Texte geschrieben. „Nach Arthur Schnitzler“ bedeutet hier also lediglich die Beibehaltung der Form. Was auch nicht ganz stimmt, da die zehn Episoden nicht aufeinander aufbauen und, auch wenn das im Programmheft durch die Betitelung suggeriert wird, mit Schnitzlers Personage nichts mehr zu tun hat. „Schnitzler ohne Schnitzler“ oder ohne Sex waren die Reaktionen der Premierenkritik. Nun gibt es zwar auch bei Schnitzler keinen Sex auf der Bühne, aber zumindest wird viel darüber geredet, was in der vorliegenden Überschreibung bis auf das Wort „Ficken“ nicht wirklich der Fall ist.

Wozu das Ganze also? Nun, ganz unwitzig ist es nicht, auch wenn das Ergebnis recht zwiespältig und in den verschiedenen Episoden sehr disparat ist. Zu Beginn glaubt man noch in eine Inszenierung der Bearbeitung von Werner Schab geraten zu sein. Die junge österreichische Dramatikerin Lydia Haider ist mit der Sprache des verstorbenen Landsmanns gut vertraut und lässt das Zürcher Ensemble an langer Tafel einen schrägen, kaum verständlichen Dialog führen, in dem eine Dirne einem österreichischen Soldaten nicht ganz fein die Leviten liest. Der „Pfeifsau“ genannte schiebt sich dann schließlich seine Glock-Pistole selbst in den Allerwertesten. So kann es gehen heutzutage.

Das Restaurantsetting von Márton Àgh mit den vielen Tischen auf der Bühne will da nicht immer passen, wird aber von Yana Ross leidlich passend gemacht. In der nächsten Szene von Sofi Oksanen trifft ein einsamer Internet-Troll, der vermutlich zu einer ganzen Trollarmee gehört, die rechte Fake-Kommentare in den sozialen Medien platziert, auf eine Foodlieferantin, deren Computer er gehackt hat, um sie digital zu stoken. Auch hier kommt es - dankenswerter Weise - nicht zum Sex. Und so geht es mehr recht als schlecht weiter, immer an den neuesten Diskursthemen entlang von einem Prozess wegen der Vergewaltigung eines Hausmädchens durch ihren Dienstherrn über eine Mutter, die sich einen Timeout via Siri aus ihrem Kinderstress gönnt bis zu einer von ihrem Geliebten und Autor abservierte Schauspielerin, was immerhin noch einigen Unterhaltungswert hat. Ansonsten ist dieser von Kata Wéber beigesteuerte Text auch nicht gerade sehr aufregend.

Nettes Geplauder beim Hochzeitstagsessen oder eine nicht ganz einfache lesbische Liebesbeziehung komplettieren den Reigen der Belanglosigkeiten. Nur der russische Autor Mikhail Durnenkov hat seine Episode nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine komplett neugeschrieben. Ein erwachsener Sohn aus Moskau telefoniert via Skype mit seiner Mutter in Tomsk. Die Szene wird als Video auf eine Lamellenjalousie projiziert. Erst macht die Mutter ihrem Sohn Vorwürfe wegen des schwulen Freunds und Paten seines Kindes, dann versucht sie seinen Unmut wegen des Kriegs zu zerstreuen, der für sie nur ein „militärische Spezialoperation“ ist. Der Sohn will mit seiner Familie Russland verlassen. Da bleibt viel unausgesprochen. Ein Beitrag, der ein eigenes Stück wert wäre.

Am Ende taucht die Glock vom Anfang wieder auf. Hier erfährt man, womit der Graf und Kunstmäzen aus der Szene zuvor sein Geld verdient. Er sucht neben Prostituierten nach seltenen Metallen auf fremden Kontinenten. Da tritt die Wirklichkeit in die Betriebsseligeit der Salzburger Festspiele. Es waren der Schweizer Autor Lukas Bärfuss und die Regisseurin Yana Ross, die das problematische Sponsoring der Festspiele offen kritisierten. Man hat sich in Salzburg auf den Druck hin von der Firma Solway als Sponsor getrennt. Das Schweizer Bergbauunternehmen zerstört in Guatemala nicht nur die Natur, sondern auch die Gesundheit der Arbeiter und Bevölkerung. Mit dem neu vorgelegten Regen wird dem Publikum aber nun weder politischer Aktionismus, noch Schnitzler, mit oder ohne Sex, oder zumindest ausreichend befriedigende Kunst geboten.



Reigen bei den Salzburger Festspielen 2022 - mit Matthias Neukirch, Sibylle Canonica, Urs Peter Halter, Yodit Tarikwa und Michael Neuenschwander (v.l.n.r.) | © SF / Lucie Jansch

Stefan Bock - 7. August 2022
ID 13743
REIGEN (Szene Salzburg, 05.08.2022)
nach Arthur Schnitzler
Neufassung der zehn Dialoge von Lydia Haider, Sofi Oksanen, Leïla Slimani, Sharon Dodua Otoo, Leif Randt, Mikhail Durnenkov, Hengameh Yaghoobifarah, Kata Wéber, Jonas Hassen Khemiri und Lukas Bärfuss

Regie: Yana Ross
Bühne: Márton Ágh
Kostüme: Marysol del Castillo
Musik: Knut Jensen
Video: Algirdas Gradauskas
Licht: Tamás Bányai
Dramaturgie: Laura Paetau
Mit: Sibylle Canonica, Urs Peter Halter, Tabita Johannes, Michael Neuenschwander, Matthias Neukirch, Lena Schwarz, Yodit Tarikwa, Inga Mashkarina, Valentin Novopolskij und Vladimir Serov Videosequenz
Premiere bei den Salzburger Festspielen war am 27. Juli 2022
Weitere Festspieltermine: 08., 09., 11.08.2022
Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich


Weitere Infos siehe auch: https://www.salzburgerfestspiele.at/


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