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Ein Mann seiner Klasse

Lukas Holzhauses zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladene Inszenierung einer Bühnenfassung des Romans von Christian Baron über eine Kindheit im prekären Arbeitermilieu im Ballhof Zwei des Schauspiel Hannover

Bewertung:    



Die Einteilung in Klassen spielt in der heutigen Gesellschaft kaum noch eine Rolle, dennoch sind Klassenunterschiede und -schranken immer noch deutlich erkennbar, spätestens dann, wenn sich die sogenannte Mittelschicht immer mehr zum Rand der Gesellschaft bewegt. Soziale Brennpunkte und Härten gibt es in vielen deutschen Groß- und Kleinstädten. Ein Leben in Armut am Rande des sozialen Minimums betrifft dabei vor allem Kinder aus diesen Verhältnissen. Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber immer auch systemimmanent. In dem Roman Ein Mann seiner Klasse hat der 1985 in Kaiserslautern geborene Journalist Christian Baron 2020 die Geschichte seines Aufwachsens als Arbeiterkind in so einem sozialen Brennpunkt der Stadt am Rand des Pfälzerwalds aufgeschrieben.

Schon bevor der Begriff Niedriglohnsektor überhaupt geprägt wurde, gab es die sogenannte Erwerbsarmut, von der Menschen, die von ihrer Arbeit nur dürftig leben können, betroffen sind. Zu diesen Working Poors gehörte auch Barons Vater, der als Möbelpacker eine Familie mit Frau und vier Kindern durchzubringen hatte. Den Frust, nicht aus den ärmlichen Verhältnissen herauszukommen und der Familie nichts bieten zu können, kompensierte der Vater mit viel Alkohol und körperlicher Gewalt, die sich vor allem gegen die Mutter aber auch die Kinder richtete.

Barons Mutter entstammt ebenfalls dem Kaiserslauterner Arbeitermilieu. In der Schulzeit liebte sie aber auch die Poesie und schrieb kleine Gedichte in einem Freundesclub genannt "Die Waldgeister". Aber der Mutter hängt ihre Herkunft an, und sie geht entmutigt durch den Lehrer von der Schule ab. Später soll dem Sohn Ähnliches passieren. Trotz guter Noten will Christian kein Gymnasium aufnehmen. Nachdem die Mutter früh an Krebs gestorben ist, kümmert sich Tante Juli um die Kinder und setzt sich dafür ein, dass der Junge auf eine Gesamtschule gehen kann und dort sein Abitur macht.

Dass der Roman seinen Weg auf die Bühne gefunden hat, gleicht ebenso einem Wunder, wie die Entscheidung der THEATERTREFFEN-Jury, die nur in der kleinen Spielstätte Ballhof Zwei am Schauspiel Hannover herausgekommene Bühnenadaption im Mai nach Berlin einzuladen. Stücke, die sozialpolitische Themen aufgreifen, sind gegenüber Stücken über Probleme der bürgerlichen Mittelschicht, Metoo- oder identitätspolitische Themen im Theater doch eher unterrepräsentiert.

*

Regisseur Lukas Holzhausen nähert sich den zum Teil recht drastischen Schilderungen in Barons Roman, indem er die Figur des Vaters nur als stumm anwesende Person zeigt. Der Zimmermann Michael „Minna“ Sebastian baut während des ganzen Abends das Bühnenbild, ein Zimmer mit Wänden, Fenstern und Türen. Er tapeziert und rollt den Teppich aus. Sogar die Waschmaschine, die der Vater allein in den 4. Stock schleppen konnte, steht da. Seine Äußerungen, in denen er die Mutter beschimpft und erniedrigt, kommen aber von Jan Thümer aus dem Off. Das nimmt den im Pfälzer Dialekt gesprochenen Worten zwar nicht die Wucht, vermeidet aber die Bebilderung der Gewalt. Sebastian steht nicht nur für die Kraft des Vaters, sondern auch als Projektionsfläche für die Wut des Jungen und späteren Reflexionen des erwachsenen Christian. In einer Szene sitzt er auch nur ganz hilf- und wehrlos am Boden, während Nikolai Gemel als Christian erzählend durch die Geschichte führt.

Die Figuren der Mutter und der aufopferungsvollen Tante Juli werden von Stella Hilb gespielt. Mal gibt sie die sich gegen den Vater währende Mutter, die mehr und mehr in Depressionen versinkt, dann die ebenfalls im Dialekt sprechende und nicht auf den Mund gefallene Tante. Die Kinderdarsteller Noah Ilyas Karayar und Titus von Issendorff spielen alternierend Christians ein Jahr älteren Bruder Bennie. So entsteht ein eindrucksvolles Portrait der Familie und eines Jungen, der von Anfang an zwischen dem Arbeitermilieu, in das die äußere Welt nur über den Fernseher oder Filme aus der Videothek eindringt, und den gebildeten Schichten des Bürgertums, aber lange doch zu seinem Vater steht, der ihm den Stolz seiner Klasse einprägen will. Als der Vater arbeitslos wird, hungert die Familie lieber als sich die Blöße zu geben, Sozialleistungen zu beantragen. Erst die ältere Schwester der Mutter, die durch Heirat aus dem Milieu ausgebrochen ist, bringt Christian Kunst und Kultur näher. Hier räumt der Roman auch mit der Legende auf, das es jeder aus eigener Kraft schaffen kann.

Die Inszenierung arbeitet außerdem mit Videoprojektionen und Musik, vor allem von der vom Vater verehrten Band Queen. I Want to Break Free kann in diesem Zusammenhang als doppelte Befreiungshymne gelesen werden, einmal als Traum des Vaters, der sich schließlich nicht erfüllt. Er bleibt letztendlich ein Mann seiner Klasse, wohingegen Christian, wie schon der französische Soziologe Didier Eribon und sein Schüler, der Schriftsteller Édouard Louis, seine Klasse verlassen kann. Christian Baron erhebt in seinem Roman zwar keine so speziellen Anklagen an die politisch Verantwortlichen wie die beiden französischen Autoren, benennt aber auch die Agenda-Politik der Schröder-Regierung als mitverantwortlich für den Sozialabbau. In einem kurzen Videoeinspieler zu Hartz IV und Leiharbeit wird das in der Inszenierung thematisiert. Auch der Vater stirbt früh mit nur 43 Jahren an Organversagen. Die Frage steht im Raum, wer für diesen Tod verantwortlich ist und warum Christian im Gegensatz zu seinem Bruder dem Vater am Sterbebett nicht verzeihen konnte. Die Frage richtet sich am Ende auch ins Publikum. Ihr auszuweichen, dürfte künftig schwerer fallen.



Ein Mann seiner Klasse am Schauspiel Hannover | Foto (C) Katrin Ribbe

Stefan Bock - 14. März 2022
ID 13518
EIN MANN SEINER KLASSE (Ballhof Zwei, 12.03.2022)
nach dem Roman von Christian Baron

Regie: Lukas Holzhausen
Bühne und Kostüme: Katja Haß
Musik: Robert Pawliczek
Dramaturgie: Annika Henrich
Besetzung:
Christian ... Nikolai Gemel
Tante Juli, Mutter ... Stella Hilb
Vater ... Michael „Minna“ Sebastian
Stimme des Vaters ... Jan Thümer
Kinderstatisten: Noah Ilyas Karayar und Titus von Issendorff
UA am Schauspiel Hannover: 21. Oktober 2021
Weitere Termine: 26.03. / 02., 17., 29.04.2022


Weitere Infos siehe auch: https://staatstheater-hannover.de/de


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