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59. THEATERTREFFEN

Das neue Leben

Schauspielhaus Bochum


Bewertung:    



Nach zwei Jahren gestreamter Digital-Häppchen findet das THEATERTREFFEN in Berlin nun endlich wieder in Präsenz statt. Das Festival der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen des letzten Jahres, von einer unabhängigen Jury ausgewählt, eröffnete gestern mit der Inszenierung Das neue Leben, die der Regisseur Christopher Rüping im September 2021 im Schauspielhaus Bochum herausgebracht hatte. Im Untertitel dieses Abends frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears wird die Frage where do we go from here gestellt. Meist stellt man sich ja eher die Frage, wie man überhaupt bis hierher gekommen ist. Nun also die nach dem Wie-und-wohin-es-weiter-gehen-soll. Rüpings Frage ist auch der Versuch eines vorsichtigen Resümees nach zwei Jahren Pandemie. Wo will nun das Theater hin?

Ähnliches lässt sich auch aus den Begrüßungsworten der neuen Kulturstaatsministerin Claudia Roth und dem Fazit der nach 11 Jahren scheidenden Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer herauslesen. Da war neben dem oft gebrauchten Slogan der Systemrelevanz auch viel die Rede von Geschlechtergerechtigkeit, Diversität, Nachhaltigkeit und Klimaneutralität. Für all das stand Yvonne Büdenhölzer in den letzten Jahren nicht nur wegen der von ihr eingeführten 50-Prozent-Frauenquote bei der 10er-Auswahl. Viel Lob gab es dafür auch von Claudia Roth, die dann noch kurz den russischen Angriffskrieg in der Ukraine auch einen Krieg gegen die Kultur und Demokratie nannte. Sehr bewegend rief sie dazu auf, die Freiheit von Kunst und Kultur zu verteidigen, „wo und wann immer wir können“.

*

Bei aller Emotionalität und guten Vorsätzen sollte dabei aber nicht vergessen werden Theater zu spielen. Was dann die kleine Abordnung des Bochumer Ensembles (William Cooper, Anna Drexler, Damian Rebgetz, Anne Rietmeijer) unter der Leitung von Christopher Rüping zu bieten hatte, geht aber nicht sehr weit über einen Probenstatus hinaus. Auf fast leer geräumter Bühne sinnieren die vier mit Hilfe von Dantes Sonetten und eigenen Reflexionen über die reine Liebe, die sich seit dem 9. Lebensjahr für den italienischen Dichter und Philosophen nach der Begegnung mit der von ihm angebeteten und dann früh verstorbenen Beatrice nur in seinen Gedanken und Dichtungen abspielte. Schon Bertolt Brecht witzelte etwas derb in seinem Gedicht Das zwölfte Sonett: „Noch immer über der verstaubten Gruft/ In der sie liegt, die er nicht vögeln durfte/ Sooft er auch um ihre Wege schlurfte/ Erschüttert doch ihr Name uns die Luft“ über die platonische Liebe des Dichters der Göttlichen Komödie.

Wir sehen hier aber keine freche brechtsche Dante-Revue, ein Fragment des Augsburger Dichters, den die vom Theater nicht ganz unbeleckte Claudia Roth kurz auch in ihrer Rede erwähnte. Christopher Rüping lässt uns mit Dante und Friends ein wenig schmachten und über zwei gute Stunden auf den Pfaden der Entsagung wandeln. Ein recht steifes Unterfangen, dass auch nicht durch berühmte Popschmachtfetzen von heute wie etwa I Will Always Love You von Whitney Houston, Baby One More Time von Britney Spears oder I Would Do Anything for Love von Meat Loaf wirklich aufgelockert wird. Man kommt sich auf Dauer ein wenig wie beim diskursiven Trockenschwimmen vor. Das muss auch Regisseur Rüping aufgegangen sein, so dass er irgendwann einfach ein großes Leuchtpendel von der Decke schweben lässt und das Publikum mit Ambient-Sound und Lichtspielen weiter langweilt.

Das Beste kommt bekanntlich immer zum Schluss. Dann tritt die 76jährige Viviane De Muynck als gelalterte Beatrice auf und erklärt den vier verdutzten Dante-Playern recht trocken und abgeklärt, dass das ganze Leben ein Lauf zum Tode und sie nur die Fußnote in einem Buch, das nie jemand liest, sei. „Lebe mit dem was ist.“ ist da aber auch nur eine mäßig tröstende Auskunft über die Zukunft. Dafür wird für alle noch ein großer Trostschirm aufgespannt. Zumindest mit technischen Gimmicks geizt die Inszenierung am Ende nicht. Um auf die Frage nach dem Wohin zurückzukommen. Frei nach Dante: Lasset die Hoffnung noch nicht ganz fahren. Und frei nach Danger Dan, der sich auch noch beim THEATERTREFFEN die Ehre geben wird: „Ich hab 'ne gute Nachricht und 'ne schlechte auch“: Es geht noch weiter mit neun Inszenierungen. Da ist noch viel Luft nach oben.



Das neue Leben am Schauspielhaus Bochum | Foto (C) Jörg Brüggemann

Stefan Bock - 7. Mai 2022
ID 13615
DAS NEUE LEBEN (Haus der Berliner Festspiele, 06.05.2022)
where do we go from here

Regie: Christopher Rüping
Bühne: Peter Baur
Kostüme: Lene Schwind
Musik: Jonas Holle
Klavierarrangements: Paul Hankinson
Lichtdesign: Bernd Felder
Dramaturgie: Vasco Boenisch
Mit: William Cooper, Viviane De Muynck, Anna Drexler, Damian Rebgetz und Anne Rietmeijer
UA war am 10. September 2021 im Schauspielhaus Bochum
Gastspiel zum 59. THEATERTREFFEN


Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinerfestspiele.de/de/theatertreffen/start.html


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