4. Februar 2012, Premiere an der Semperoper Dresden
LULU
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Foto (C) Matthias Creutziger
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Mach dich nicht zum Clown
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Die folgende Bemerkung hat in einer Kritik zwar nichts verloren, doch der ein oder andere Tourist wird für diesen Hinweis vielleicht dankbar sein: Das gemütlich kleine und preislich passable Restaurant im Keller der Semperoper ist Geschichte. Dafür kann man jetzt schmucke Baseballkappen mit dem Logo der Sächsischen Staatskapelle erwerben. Wenn Sie also auf einen vierstündigen Abend bei Lulu vorbeischauen, stecken Sie sich lieber einige Fettbemmen für die Pause ein - oder sehen sich einfach an der schmackhaften Ausstattung satt. Heike Scheele hievt nämlich ein wunderschön anzuschauendes Petit Chapiteau auf die Plattform, Gesine Völlm verpasst den Clowns mit skurrilen Perücken den letzten Schliff, die Herren vom Licht lassen farbige Scheinwerfer auf- und abfahren und Stefan Herheim lädt ins Haus der tausend Männerleichen, zu Lulu, der mörderischsten aller Attraktionen.
Ach, wie liegt das herrlich beieinander: Hier ein Regisseur, der Querverweise liebt, der scheinbar lose Handlungsstränge mit viel Brimborium zu einem komplexen Geflecht verdichtet, und dort eine Oper, eine unvollendet gebliebene, welche nur so strotzt vor Spiegelungen, Anspielungen und Zitaten. Herheim und Berg - geht das gut? Ja, denn Herheim unterstreicht die Ironie der Partitur und leitet aus ihr komische, auch zutiefst boshafte Situationen ab. Und dann die Zeichnung der Figuren! Der besessene Dr. Schön, der geile Athlet, Gräfin Geschwitz und deren tief empfundene Zuneigung, der Maler, der den Verstand verliert: Das sind die Wesen, die uns die Regie näher bringt. Indes bleibt Lulu bei Herheim das, was Lulu für uns schon immer war - ein Kuriosum aus Trillern und Koloraturen, ein Buch mit sieben Siegeln und damit letztlich genau das, was Berg komponiert hat.
Aber wie sieht es mit Wedekind aus? In dem Zusammenhang wird ein wenig Widerspruch laut, was dann doch an der manchmal zu harmlosen, zu gefälligen und auch zu bunten Ausstattung liegt. Natürlich sind die Clowns nicht nur Clowns, sondern vielmehr Musiker, Verehrer, Todesboten, Lulus gestorbene Ehemänner. Natürlich ist auch das Zirkuszelt eine klug durchdachte, funktionale Melange aus Varieté, Boudoir, Kopie der Semperoper und demzufolge Bühne auf der Bühne einer Bühne. Es ist handwerklich perfekt gemacht, flüssig erzählt und der Zuschauer wird bei Laune gehalten. Doch das ist nicht unbedingt das entscheidende Kriterium.
Zu Beginn des dritten Aktes rollt die Regie den roten Teppich für die Neufassung von Eberhard Kloke aus: Alwa, der erst durch die Adaption Bergs zum Komponisten wurde, tritt vor die Clownskapelle, blickt irritiert zum Orchester hinunter - und fängt an, zu dirigieren. Diese Vereinigung von Musik und Bühne setzt Herheim später im Paris-Bild fort, für welches Kloke klangliche Ideen findet, die gefallen, ja, sogar einleuchten. Etwa die Solovioline, die Lulu wie eine düstere Vision umschwirrt, oder das Klavier, welches hämmert, als wäre es aus einem Alptraum gefallen. Ein echter Clou ist das Akkordeon, welches dem Bänkelsängerlied eine melancholische Farbe verleiht. Kloke legt einen kompakteren, kammermusikalischeren und, ja, auch atmosphärisch packenderen dritten Akt als Friedrich Cerha vor.
Gisela Stille singt die Lulu mit irisierend ätherischem Sopran und kühler Kraft, wirft sich auch darstellerisch mächtig ins Zeug. Nicht weniger vorbildlich: Der berückende Alt von Christa Mayer, der bärbeißig dominante Dr. Schön von Markus Marquardt und der japsend geifernde, spielfreudige Schigolch von Ketil Hugaas. Gegenüber der exzellenten Auswahl der Sänger leuchtet die Entscheidung, einen Dirigenten wie Cornelius Meister mit Lulu an der Semperoper debütieren zu lassen, nur bedingt ein. Was aus dem Graben tönt, kann leider nur als unverbindlich bezeichnet werden, dem Klangbild mangelt es an Enthusiasmus und einem geschärften Zugriff.
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LULU an der Dresdner Semperoper - Foto (C) Matthias Creutziger
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Heiko Schon - 7. Februar 2012 ID 5744
LULU (Semperoper Dresden, 04.02.2012)
Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Inszenierung: Stefan Herheim
Szenische Einstudierung: Annette Weber
Bühnenbild: Heike Scheele
Kostüme: Gesine Völlm
Licht: Stefan Herheim, Fabio Antoci
Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach
Besetzung:
Lulu … Gisela Stille
Gräfin Geschwitz … Christa Mayer
Eine Garderobiere / Ein Gymnasiast / Ein Groom … Barbara Senator
Der Medizinalrat / Der Bankier / Der Professor … Joachim Goltz
Der Maler / Der Neger … Nils Harald Sødal
Dr. Schön / Jack the Ripper … Markus Marquardt
Alwa … Jürgen Müller
Schigolch … Ketil Hugaas
Ein Tierbändiger / Ein Athlet / Theaterdirektor … Almas Švilpa
Der Prinz / Der Kammerdiener / Der Marquis … Aaron Pegram
Eine Fünfzehnjährige … Romy Petrick
Ihre Mutter … Angela Liebold
Eine Kunstgewerblerin … Sabine Brohm
Ein Journalist … Ilhun Jung
Ein Diener … Allen Boxer
Sächsische Staatskapelle Dresden
Premiere war am 4. Februar 2012
Weitere Vorstellung: 7., 10.2. / 25., 28.3. / 19., 22. 6. 2012
Weitere Infos siehe auch: http://www.semperoper.de
Post an Heiko Schon
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