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Premierenkritik

Wir sind nicht

die anderen



Birgit Unterweger als Rebecca Latté in Liebes Arschloch von Virginie Despentes am Schauspiel Köln | Foto © Marcel Urlaub

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Ein hämisch-abfälliges Instagram-Posting führt dazu, dass die Betroffene den Urheber kontaktiert. Rebecca, ein Filmstar, verurteilt Oscar, einst ein aufstrebender Schriftsteller, für die geschriebene Geschmacklosigkeit scharf. Beide gehen in ihren Textnachrichten weiter aufeinander ein.

Die lebendigen Dialoge aus Virginie Despentes' Email-Roman Liebes Arschloch (seit 2023 auf dem deutschen Buchmarkt) taugen auch für die große Bühne:

Der Lockdown trifft die alleinstehenden und vereinsamten Künstler. Sie schildern einander persönliche Eindrücke in dieser besonderen Zeit und entblößen mehr und mehr Schwächen.

Die [bereits im Vorjahr am Volkstheater Wien gezeigte] Inszenierung von Stephan Kimmig arbeitet dabei mit Live-Bildern von Kamerafrau Ulrike Schild. Die Künstlichkeit eines Social Media-Postings oder einer Email, die zwischen den Figuren steht, wird hier durch eine Künstlichkeit von Kamerabildern ersetzt. Auf einer von Katja Haß gestalteten Drehbühne spricht zunächst Paul Grill als Oscar nach vorne hin zum Publikum. Auf einer Videoprojektion sehen wir dazu die unmittelbaren Reaktionen von Birgit Unterweger als Rebecca, die unnahbar, konsterniert, oder spannungsvoll maskenhaft blickt.

Mitgerissen wird der Zuschauer gleich zu Beginn vom eingespielten Rap „Hypnotize“ von Notorious B.I.G., zu dem Paul Grill als Oscar ausgelassen und aufgedreht durch den Raum hüpft. Kimmigs Inszenierung überrascht hier mit choreographischen Szenen von Nähe und Distanz zu eingeworfenen Songtiteln. Die Akteure machen in sich ruhend teilweise synchron zu „The show must go on“ von Queen dynamische Bewegungen. Dann lassen es beide ausgelassen zu „Walk for me“ von DNCE krachen. Später hält Rebecca Oscar eng umklammert und stützend von hinten, während sich beide zu einem Einspieler von Cat Power bewegen. Hier findet Kimmig ein schönes Bild für eine sich zaghaft entwickelnde Freundschaft. Auch Nick Caves „Push the sky away“ wird als Song während intimer Bewegungsmomente zum Soundcheck der Vorführung eingebunden.

Eine ureigene Kraft populärer Musik für Gemeinschaftsgefühle thematisiert Virginie Despentes höchstselbst nicht zuletzt in Das Leben des Vernon Subutex. In der Subutex-Trilogie legt der Titelheld als eine Art Guru bei sogenannten Raves oder „Convergences“ Musik auf. Er feiert als DJ an unterschiedlichen Orten im Freien mit ausgelassenem Tanz und Gleichgesinnten. Ähnlich wie in Despentes’ auch am Schauspiel Köln 2019 von Moritz Sostmann inszenierter Trilogie geht es in Liebes Arschloch um kostbare Gemeinschaftserlebnisse und zerbrechliche Zugehörigkeitsgefühle. Choreografin Michèle Seydoux lockert in Kimmigs Adaption durch die konzentriert gestalteten Tanzszenen die dicht und im schnellen Tempo vorgetragenen Offenbarungen und Anschauungen der Figuren.

Rebecca liefert sich mit Oscar einen lustvollen, hemmungs- und tabulosen Schlagabtausch mit steilen Thesen zur Conditio humana, zu gescheiterten Träumen oder zur Geschlechterdifferenz. Welche Verantwortung trägt ein jeder, sich selbst nach möglichen Eskapaden zu fangen, auch um liebgewonnene Freunde und Vertraute nicht zu enttäuschen. Unterweger hat starke Auftritte, wenn sie über ihr eigenes und Oscars Suchtverhalten und das Sich Wegballern spricht. Auch Grills Oscar begegnet ihr mit harten Worten und ungewöhnlichen Gedanken. Das Vorgetragene mutiert wahrlich zum Parforceritt, wenn es um sexuelle Übergriffe in den jeweiligen Metiers der Künstler geht, nämlich dem Film- respektive Literaturbetrieb.

Darstellerisch gelingt der Abend auf hohem Niveau. In Kimmigs Produktion erhalten beide Protagonisten eine besondere Möglichkeit, die Facetten ihrer Figuren lebendig zu entfalten.

Ausgerechnet als man meint, dass Rebecca und Oscar sich ausreichend Trost und Halt spenden, betritt eine dritte Person die Spielfläche. Der Gedankenaustausch der Beiden erweitert sich durch vorgetragene Blog-Einträge einer dritten Figur, zu der beide in einer Beziehung stehen. Das aus der Perspektive von Zoé Katana (Irem Gökçen) Erzählte erscheint besonders destruktiv. Anders als der dreiundvierzigjährige zeitweise erfolgreiche Schriftsteller und der über fünfzigjährige Filmstar hat die Mittdreißigerin Katana, eine Bloggerin und einstige Verlagsassistentin, scheinbar wirklich nichts zu verlieren. Wie unterschiedlich Rebecca und Oscar der jungen Frau begegnen erzeugt Spannung.

Die Coronakrise, zu der ein Großteil der erzählten Zeit bei Despentes spielt, wird in Kimmigs Adaption nur am Rande Thema. Auch wenn einige Zuspitzungen und Wendungen ein bisschen weit hergeholt und unglaubwürdig scheinen – etwa wie die Schwester Oscars, Corinne, in das allgemeine Geschehen verwickelt ist – ist der Abend anregend, packend und unterhaltsam.



Birgit Unterweger als Rebecca Latté und Paul Grill als Oscar Jayack in Liebes Arschloch von Virginie Despentes am Schauspiel Köln | Foto © Marcel Urlaub

Ansgar Skoda - 28. November 2025
ID 15577
LIEBES ARSCHLOCH (Depot 1, 23.11.2025)
von Virginie Despentes

Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüm: Sigi Colpe
Videoart: Jan Isaak Voges und Lisa Rodlauer
Choreografie: Michèle Seydoux
Lightdesign: Voxi Bärenklau
Ton: Oliver Foth und Christoph Priebe
Dramaturgie: Wiebke Rüter und Ulf Frötzschner
Besetzung:
Oscar … Paul Grill
Rebecca … Birgit Unterweger
Zoé Katana … Irem Gökçen
Live-Kamera … Ulrike Schild
UA am Schauspielhaus Zürich: 25. November 2023
Premiere am Schauspiel Köln: 23. November 2025
Weitere Termine: 30.11./ 13., 28.12.2025// 31.01., 10.05.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln


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