Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Premierenkritik

Ganz

Große

Räder



Das große Heft am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe

Bewertung:    



Unwillkürlich betastet man sich schon in der Pause verstohlen den Kopf nach Blutflecken. So brachial wird einem der Text in den Kopf geschlagen, dass man auch äußerliche Wunden befürchtet. Ulrich Rasche, ja, der mit den beiden aufeinander folgenden aktuellen THEATERTREFFEN-Einladungen [Die Räuber, 2017], dreht sich diese Kriegsgeschichte zu einem chorischen Spektakel, das mit klassischem Theater-Spiel eher wenig, aber mit kraftvoller Performance sehr viel zu tun hat, auch Tanztheater, Popkonzert und Oper sind nicht weit weg. Ziemlich neu für Dresden, und ziemlich verwirrend. Das Premierenpublikum besteht auch hier wahrlich nicht nur aus Trendsettern, und so bleiben nach der Pause doch einige Plätze frei. Um so frenetischer ist der Jubel am Ende – lange nicht mehr so gehört im Staatsschauspiel.

*

Ein Chor aus 16 Profis – wo hat man heute am Theater die Chance, so etwas zu sehen? Nicht nur technisch werden hier sehr große Räder gedreht.

Auf der Bühne kreisen zwei große, waagerechte Scheiben. Auch diese kommen als Zwillinge daher, sind aber deutlich unsynchroner als die Protagonisten. Das Spiel wechselt zwischen den beiden Plateaus, die zudem über die Bühne wandern und sich mal so und mal so neigen, wenn auch nicht ganz so halsbrecherisch (wie das Spielfeld in Basel beim Woyzeck). Das Fahrgeschäft von Rasche ist erneut beeindruckend, aber es will auch theatral gefüllt werden, wir sind ja nicht im Kunstmuseum (hauptstädtische Theater-Hipster hätten hier gewiss „Volksbühne“ geschrieben, aber das kann man aus der Provinz ja nicht beurteilen).

Zwei Gruppen zu je acht sehr jungen Schauspielern agieren, meist wechseln die beiden Mannschaften sich ab, nur zu den Höhepunkten sind alle Darsteller auf den dann zwei Bühnen zu sehen. Selten tritt einer allein auf, auch wenn er Text hat, ist ein anderer schattenhaft an seiner Seite, der abwechselnd zu ihm die Geschichte erzählt, der Rest der Gruppe tritt im Hintergrund (nein, kein Schreibfehler, man tritt tatsächlich unablässig seine Schritte, um auf der Dreh-Bühne auf derselben Stelle zu bleiben).

Und ja, es wird erzählt, nicht gespielt, für Puristen ist das hier eine (nicht mal szenische) Lesung. Wenn man so will, besteht diese Inszenierung aus fünf Elementen: Dem (gekürzten) Text des Buches, der chorischen Interpretation desselben durch anderthalb Dutzend ent-individualisierter Schauspieler (hier ohne Gender-* und einstudiert von Alexander Weise und dem auch selbst spielenden Toni Jessen), einer Bühne aus zwei sich drehenden Scheiben (neben dem Regisseur haben Sabine Mäder und Romy Springsguth daran mitgearbeitet, letztere zeichnet auch für die Kostüme verantwortlich) und – nicht zu vergessen – einer großartigen, betörenden, niederschlagenden und fesselnden Musik (Komposition: Monika Roscher), die mit Drums, Cello, Violine und elektrischer Bassgitarre live auf der Vorderbühne dargeboten wird und fast schon die halbe Miete ist zum Erfolg des Stücks. Das fünfte Element wäre dann noch die Dreifaltigkeit aus Licht (Andreas Barkleit), Video (Philip Bußmann) und Samples / Sound-Art (Nico van Wersch).

Individualität – von der wird an diesem Abend nur manchmal erzählt, zu sehen gibt es sie nicht. Im großen Heft sind die haupthandelnden Zwillinge gesichtslos, alle 16 jungen Darsteller spielen sie, meist im Duett, oft als Gruppe, fast nie als Einzelner auf der Bühne – oder besser den beiden Dreh-Bühnen mit jeweils vielleicht zwölf Meter Durchmesser, die abwechselnd und gleichzeitig kreisen, etwa einen Meter über Normalnull des Theaters. Man munkelt, allein diese Installation habe den Gegenwert eines Kulturministerinnen-Dienstwagens gekostet, aber man munkelt so viel, und es ist ja eh alles für die Kunst.

* *

Ein lakonischer Beginn, Moritz Kienemann und Johannes Nussbaum sind die ersten auf der Bühne und erzählen die Geschichte der Ankunft der Zwillinge in der kleinen Stadt unweit der großen, stoisch stampfen sie in kindgerecht kurzen Hosen ihren Weg. Mit ihnen wird das Stück auch enden, ähnlich lakonisch, auch wenn da vom Tod im Minenfeld zwischen den Stacheldrahtverhauen berichtet wird. Stellvertretend für die anderen seien die beiden hier benannt – auch weil man aus der geschlossenen Ensembleleistung (nie war das Wort so treffend wie hier!) niemanden herausheben möchte. Es funktioniert, auch weil sich keiner der Jungschauspieler und Noch-Studenten in den Vordergrund drängt. Selbst Yannik Hinsch, der am Haus inzwischen in vielen Rollen glänzt, lässt seinen Nachbarn Raum, dennoch stellt sein Monolog nach der Pause ein Glanzlicht der Inszenierung dar.

Dass es die Zwillinge von den mal mehr und mal weniger geneigten rotierenden Scheiben, die hier die Welt bedeuten, herunterwirft, ist das Letzte, was man angesichts deren sich schnell einstellender Abgeklärtheit erwarten würde. Kaum von ihrer verzweifelten Mutter bei der bis dato unbekannten und gemeinhin als Hexe benamsten Oma zur Lebenserhaltung zwischengelagert, nehmen sie das Heft selbst in die Hand, auch wenn es vorerst noch kein großes ist. Hier wissen zwei sehr genau, was man zum Überleben braucht und tun muss – wie junge Wölfe lernen sie bald jagen, töten, Beute machen.

Trotz der klaren Assoziation zum Zwillingsthema (hier 2 mal 2 mal 2, die vierte Potenz wäre dann wohl doch zu teuer geworden für das Haus) stellen die Sechzehn auf der Bühne nicht eigentlich die Hauptfiguren dar, sondern sind die Erzähler einer Geschichte, die aus der Perspektive der Brüder geschildert wird. Kontur gewinnen sie dabei höchstens gemeinsam, als Individuum kommen sie nicht vor, konsequenter Weise bleiben sie auch namenlos. Unstreitig beziehen sie ihre Stärke aus dieser Existenz als siamesische Zwillinge im Geiste, nicht nur nach außen, sondern auch im Binnenverhältnis. Küchenpsychologisch interpretiert: Der eine passt auf den anderen auf und treibt ihn an, duldet keine Schwächen. So werden aus Kindern binnen kurzer Zeit kleine Erwachsene, schmerzfrei, abgeklärt und freudlos.

Woher soll die Freude auch kommen? „Wir spielen nie“ – sicher einer der traurigsten Sätze in diesem an Bitterkeit sehr reichen Buch.

Die Zwillinge kämpfen sich durch eine per se feindliche Umwelt, beginnend mit der Großmutter, die sie als Störenfriede und unnütze Esser sieht, und endet mit der Kleinstadt-Kinderwelt, die auf dem Recht des Stärkeren basiert. Hier erobern sie sich mit Fleiß und Ausdauer Respekt, dort mit Brutalität und Furchtlosigkeit. Für Hasenscharte, die Ausgestoßene, werden sie die Schutzpatrone, am Ende retten sie sie mit einer Erpressung des Pfarrers vor dem Verhungern. Aber als der Krieg dann auch in der kleinen Stadt anzukommen droht und seine Vorboten vorausschickt, sind auch sie hilflos. Ihre Mutter stirbt durch eine fehlgeleitete Granate just in dem Moment, in dem sie die Knaben abholen will, zur Flucht in das Land ihres neuen Mannes, eine kleine Schwester ist auch schon da. Doch die Zwillinge wären ihr auch so nicht gefolgt, zu eng ist inzwischen die Bindung an die Großmutter. Den Tod Hasenschartes können sie aber auch nicht verhindern, in den sie sich kopfüber stürzt. Die Nachkriegszeit beginnt.

Der Buchvorlage geht (zumindest nach Meinung des Rezensenten) am Ende dramaturgisch die Luft aus, nach dem schicksalszynischen Tod der Mutter bleibt vieles rätselhaft. Rasche vermeidet viele dieser Klippen, sein Stück ist klug eingedampft aus der ohnehin schon kargen Handlung des Buches, Nebenfiguren wie der Adjutant, der Briefträger und der Polizist sind gestrichen, auch Schlaganfall und Tod der Großmutter kommen nicht vor. Dennoch, der zweite Auftritt des Vaters, der mit dessem Tod im Grenzzaun und der Trennung der Zwillinge (in Ost und West) endet, bleibt ein Wurmfortsatz des Romans, der auch auf der Bühne nicht plausibler wird. Ein schlichtes Trennungs-Mahnmal gegen den Eisernen Vorhang? Das scheint zu simpel angesichts der komplexen Fragestellungen zuvor.

* * *

Wenn man an diesem Abend partout irgendwas bekritteln will: Wucht sticht im Zweifel Präzision. Obgleich das chorische Sprechen im Allgemeinen ganz großartig funktioniert, trifft das auf die Bewegungen nach Rasches Choreographie nicht immer zu. Beim Basler Woyzeck, der im Mai auch im Berlin zu erleben sein wird, kann man zusehen, wie perfekt so etwas sein kann, allerdings läuft das Stück dort schon deutlich länger und hat auch deutlich weniger „Massenszenen“.

Was bleibt zu bilanzieren? Ein Regisseur aus den aktuell oberen VierBisAcht hat in Dresden inszeniert, er hat einen hier noch nicht gespielten Stoff ausgewählt, hat 16 junge Schauspieler zusammengetrommelt, seine kinetische Bühneninstallation entsprechend angepasst, das Budget ordentlich überzogen, den Text eingedampft, den ersten Premierentermin platzen lassen (OK, vor Krankheit ist niemand gefeit) und dann ein sehr ordentliches Stück Theater auf die Bühne gebracht, das vermutlich nur deshalb nicht für das THEATERTREFFEN 2019 in Frage kommt, weil kein Regisseur dreimal hintereinander eingeladen wird. Es hätte schlimmer kommen können.

Oder nochmal komprimiert zusammengefasst: Das Staatsschauspiel Dresden spielt damit wieder in der ersten Liga.



Das große Heft am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe

Sandro Zimmermann - 13. Februar 2018
ID 10513
DAS GROSSE HEFT (Schauspielhaus, 11.02.2018)
Regie und Bühne: Ulrich Rasche
Bühnenbildmitarbeit: Sabine Mäder
Kostüme und Bühnenbildmitarbeit: Romy Springsguth
Chorleitung: Alexander Weise und Toni Jessen
Komposition: Monika Roscher
Video: Philip Bußmann
Samples und Sound-Art: Nico van Wersch
Licht: Andreas Barkleit
Dramaturgie: Jörg Bochow und Katrin Breschke
Mit: László Branko Breiding, Philipp Grimm, Jannik Hinsch, Harald Horváth, Robin Jentys, Toni Jessen, Moritz Kienemann, David Kosel, Sam Michelson, Johannes Nussbaum, Justus Pfankuch, Daniel Séjourné, Yassin Trabelsi, Alexander Vaassen, Simon Werdelis und Tommy Wiesner sowie den MusikerInnen Heiko Jung (Drums), Christoph Uschner (Cello), Kseniya Trusava (Violine) und Slowey Thomsen (E-Bass)
Premiere an Staatsschauspiel Dresden: 11. Februar 2018
Weitere Termine: 25.02. / 06., 22.03. / 01., 12., 28.04.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


Post an Sandro Zimmermann

teichelmauke.me

Freie Szene

Premierenkritiken



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:





THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

CASTORFOPERN

DEBATTEN
& PERSONEN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIEREN-
KRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2024 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)