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Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini im Residenztheater München | Foto (C) Matthias Horn

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Nein, Dantes Göttliche Komödie ist nicht lustig. Wer glaubte, dass es an diesem Abend was zu lachen gibt, wurde enttäuscht. Wer sich aber der Introspektion eines großen Gefährdeten aussetzen mag, dem Inferno der Selbstbestrafung von Körper und Geist, der ist bei dieser Inszenierung zweier Ikonen richtig: Pier Paolo Pasolini trifft den italienischen Nationaldichter Dante.

Der Vorhang hebt sich, und aus dem Off kommt ein Satz: Die Dichter müssten uns heilig sein. Sind sie aber nicht – weder für uns, noch für sich selbst. Unschuldig allenfalls, wenn sie noch ganz kleine Buben sind und Fußball spielen. So einer steht auf der schwarzen leeren Bühne, ein riesiger, trauriger Bolzplatz des Lebens. So wie im Leben des Pier Paolo Pasolini, der regelmäßig mit der Jugend aus dem Subproletariat dort kickte, wo er sich wohl fühlte. Noch als erwachsener, erfolgreicher Mann im Anzug, als schwules, latent pädophiles Enfant terrible, als politischer Provokateur: vielen Anzeigen und Filmverboten ausgesetzt. Im Abgang zieht der Junge eine Plane von einem Alfa GT 2000, Pasolinis Lieblingsauto, aus dem sich zwei Männer herausschälen. Einer davon ist Pelosi, ein junger Stricher. Er wird den berühmten Autor brutal erschlagen: „Wir waren dir gut genug, als wir noch 2 Lire kosteten.“ Er tut das immer wieder und nicht alleine. Immer mehr Figuren kommen und prügeln mit – eine tanzartig inszenierte Orgie von Gewalt und Sex in sich steigernder endlos-Schleife.

Pasolinis Leiche wurde am Morgen des 2. November 1975, in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen, auf einem Fußballplatz in Ostia gefunden. Am Abend vor seinem Tod hatte der 53jährige sich mit einem Freund getroffen, den Schwulenstrich am Bahnhof Roma Termini aufgesucht und war mit dem 17jährigen Pino Pelosi nach Ostia gefahren. Was dann passierte, wurde nie aufgeklärt. Ein Terror-Akt der Neofaschisten an ihrem linken Kritiker? Ein politischer Auftragsmord? Oder doch nur ein mehr oder weniger zufälliges Verbrechen im Mafia-Milieu? Pelosi jedenfalls hat 30 Jahre später sein Mord-Geständnis widerrufen.

Mit Antonio Latella hat sich ein Regisseur der Geschichte - in dem Stück Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini von Federico Bellini - angenommen, den die Dramaturgin Laura Olivi für den derzeit „wichtigsten und aufregendsten Italiens“ hält, einen, der wie sie mit den Versen von Dantes Göttlicher Komödie aufgewachsen ist, sie geradezu verinnerlicht hat. Latella verbindet das Geschehen auf der Bühne denn auch mit Auszügen aus Dantes Gesängen. Das ist stimmig, denn Dante prägte Pasolini nachhaltig. Im Abstieg in die Hölle, in den Qualen des Purgatoriums sah er seinen Lebensweg. So versuchte er mehrmals, die Göttliche Komödie in moderner Form neu zu schreiben. Den letzten Versuch, Divina Mimesis, gab er kurz vor seinem Tod in Druck. Darin verkörperte Pasolini Dante und seinen Begleiter Vergil gleichzeitig: alle Figuren, so Pasolini, seien „Emanationen seiner selbst“.

Latellas Inszenierung knüpft an diese Vorstellung an. Alle sieben Figuren, die sich im Lauf des Stückes auf der kahlen Bühne einfinden, tragen dieselbe Kleidung, Jeans, gestreiftes Hemd, Lederjacke, sind ein und dieselbe Person, Täter und Opfer. Als sie Pasolini schon fast zu Tode geschunden haben, verwandeln sie sich in die wichtigsten Personen seines Daseins: die vergötterte Mutter etwa, die ihn im wahrsten Bildsinn am Schwanz gepackt hält. Das tut weh beim Zuschauen, ist aber auch irgendwie zum Lachen. Der ungeliebte, tyrannische Vater, der mit ihm um die Mutter rivalisiert. Der beneidete jüngere Bruder, der so viel besser Fußball spielt. Der sprechende Rabe aus seinem Film Uccellacci e uccellini, ein marxistischer Philosoph - ebenfalls ein Alter Ego.

Die Szenerie steigert sich mit musikalisch stampfenden Rhythmen und Gesang zu einer Art Totentanz, zu einem grotesken Ballett der Selbstentblößung: plötzlich sind die Figuren nackt – vor den Zuschauern, aber vor allem vor sich selbst. Wasser stürzt von oben über das graue Auto, dessen Scheinwerfer verzweifelt blinken. Es wird das einzige Wesen sein, das Mitleid zeigt. Mit seinen alten Scheibenwischern reibt es sich die Tränen aus den Augen, bzw. von der Frontscheibe. Lächeln – und Schweigen.

Dann senkt sich ein Fußballtor von oben auf die Bühne. Pasolini (geläutert? auferstanden? im Paradies?) kickt den Fußball des kleinen Jungen vom Anfang hinein – und lässt seinen kleinen Spielzeug-Alfa rollen. Ein vergleichweise ruhiges Finale ganz im Sinne Pasolinis, der überzeugt war, dass sein Werk die wahre Bedeutung erst durch den Tod erhält: „der Tod macht eine fulminante Montage aus unserem Leben“.

Diesem Statement wird die Aufführung durchaus gerecht. Auch wenn einige Buhs in die ausgedehnten Gewalt- und Sexszenen platzen. Die ersten rufen schon nach der vierten Wiederholung des Mordes „Aufhören“! Doch als am Ende alle (durchweg fulminanten) Darsteller im schwarzen Anzug und Fliege vor das Publikum treten, viel Beifall – auch für die Dramaturgin Laura Olivi und den Regisseur Antonio Latella.

Ein Abend voller Emotionen und Assoziationen. Bloß nicht denken! Fühlen!



Tim Werths in Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini im Residenztheater München | Foto (C) Matthias Horn

Petra Herrmann - 23. März 2019
ID 11299
EINE GÖTTLICHE KOMÖDIE. DANTE < > PASOLINI (Residenztheater, 22.03.2019)
Regie: Antonio Latella
Bühne: Giuseppe Stellato
Kostüme: Graziella Pepe
Musik: Franco Visioli
Licht: Gerrit Jurda
Choreographie: Francesco Manetti
Dramaturgie: Federico Bellini + Laura Olivi
Mit: Philip Dechamps, Gunther Eckes, Max Gindorff, Franz Pätzold, Nils Strunk und Tim Werths
Uraufführung am Bayerischen Staatsschauspiel: 23. März 2019
Weitere Termine: 27., 29.03. / 01., 08., 26., 30.04.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de


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